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Kultur

Diese 33 Tage

Johann Scheerer war 13 Jahre alt, als sein Vater Jan Philipp Reemtsma entführt wurde. Was er damals erlebte, hat er jetzt aufgeschrieben.

MARKUS TEDESKINO / DER SPIEGEL
von
Volker Weidermann
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Er hat es seinem Vater erst spät erzählt, ganz spät, da war das Buch eigentlich schon fertig(*). Johann Scheerer sitzt vorn auf der Kante eines braunen Ledersessels in seinem Musikstudio in einem alten Fabrikgebäude in Hamburg, direkt an der Elbe. Und er erzählt, wie das war, als er die Geschichte aufgeschrieben hat, die sein Leben verändert hat. Alles in seinem Leben.

Die Entführung seines Vaters, des Multimillionärs Jan Philipp Reemtsma, vor 22 Jahren. Dessen Freilassung. Das viele Geld. Die Zeit des Wartens, als sich der Sohn innerlich von seinem Vater verabschiedet hatte. Er wusste ja: Sie werden ihn sowieso umbringen. Entführungen enden nun mal so. Jeder weiß das. Es ist dann anders gekommen. Aber die Zeit des abwesenden Vaters ist seitdem so etwas wie ein schwarzes Loch im Leben Johann Scheerers.

Das eine Ding, über das nicht geredet wird. Mit niemandem. Nicht mit seiner Familie, nicht mit Freunden. "Es ist einfach so ein Riesending gewesen, dass es zu keinem Zeitpunkt besprechbar war. Es gab nie eine Situation, wo ich das hätte anbringen können: Ach übrigens, wollen wir nicht mal drüber reden ..."

Dabei ist die Sache ja jedem, wirklich jedem bekannt. Fester Bestandteil in der Geschichte der spektakulärsten Entführungen der Welt. 30 Millionen Mark wurde den Entführern bezahlt. Und Reemtsma kam tatsächlich frei. Eine Weltnachricht. Alle redeten darüber. Nur die direkt Betroffenen schwiegen.

Johann Scheerer, Wuschelhaare, Bart, blaues Sakko, weißes Hemd, 35 Jahre alt, spricht leise, zurückhaltend, konzentriert, lässt immer mal wieder lange Pausen zwischen den Sätzen. Er hat versucht, ein Leben zu führen, in dem das alles keine Rolle spielt. Das Verbrechen, das viele Geld, der Name, diese ganze Vergangenheit um das dunkle Loch herum. Die Musik war schon früh, schon damals, als der Vater verschwand, die eine große…

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Nr. 9/2018