Lesezeit 10 Min
Gesellschaft

Die zwei Leben der Cristina R.

Eine junge Rumänin betreut rund um die Uhr eine 91-Jährige in deren Wohnung und ernährt damit ihre Familie in der Heimat – Pflegealltag in Deutschland.

BRUNO SCHREP / DER SPIEGEL
von
Bruno Schrep
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Gesellschaft

Halb acht am Morgen. Anna F., 91, hat kaum geschlafen, sich immer wieder von einer Seite auf die andere gewälzt, den Tag herbeigesehnt. Sie hatte Atemnot und Angst davor, plötzlich keine Luft mehr zu bekommen, jämmerlich zu ersticken. Gegen Morgen dann, als sie doch noch einmal einschläft, träumt sie von ihrem verstorbenen Mann: Er sei todkrank und liege auf der Intensivstation.

Eine helle Stimme reißt sie aus ihrem Albtraum. „Zeit zum Aufstehen“, ruft Cristina R. Sie lächelt, zieht die Vorhänge auf und sagt: „Kein Regen mehr wie gestern. Es wird ein schöner Tag, wir können wieder raus heute.“

Cristina R. führt die Seniorin ins Badezimmer, hilft ihr beim Waschen, beim Ankleiden, hilft ihr, diese elend strammen Stützstrümpfe hochzuziehen, die so lästig sind und doch so notwendig. Cristina R., 31 Jahre alt, dunkle Haare, klein und zierlich, ist nur für Anna F. da: jeden Tag, jede Nacht, jede Stunde. Sie isst mit ihr, sie geht mit ihr spazieren, sie redet mit ihr. Sie schläft im Zimmer nebenan. Die junge Frau aus Rumänien erhält dafür 1200 Euro im Monat. Schwarz.

Mehr als 2,6 Millionen pflegebedürftige Menschen leben in Deutschland. Die meisten werden von ihren Angehörigen versorgt, knapp 30 Prozent leben in Heimen. Auch viele ambulante Dienste kümmern sich um sie. Insgesamt sind in der Bundesrepublik mehr als eine Million Menschen in der Pflege beschäftigt – gezählt ohne die illegal tätigen Osteuropäerinnen, die vielen Senioren den gefürchteten…

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Nr. 20/2016