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Politik

»Die Zeiten erfordern Alarmismus«

Die frühere US-Außenministerin Madeleine Albright sieht Anzeichen eines neuen Faschismus – und glaubt doch an die Widerstandskraft der liberalen Demokratie und ihrer Institutionen.

LEXEY SWALL / DER SPIEGEL
von
Christoph Scheuermann
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Politik

Sie hätte sich längst zur Ruhe setzen können, mit 81 Jahren, einer fulminanten diplomatischen Karriere, sechs erfolgreichen Büchern und einer florierenden Beratungsfirma, aber als Rentnerin taugt Madeleine Albright nicht. Bis heute ist sie die große alte Dame der US-Außenpolitik, angefangen hat sie als Botschafterin bei der Uno in New York, von 1997 bis 2001 war sie dann Außenministerin unter Präsident Bill Clinton.

Sie kümmerte sich um den Konflikt im Nahen Osten, um Russlands Entwicklung nach dem Ende der Sowjetunion, um das Atomprogramm Nordkoreas – all jene Themen also, die immer noch aktuell sind. Bis heute lässt sie der Zustand der Welt nicht los, diese Frau denkt immer im Maßstab des gesamten Globus. Das wichtigste Thema, das Albright derzeit umtreibt, heißt Donald Trump, der große Zerstörer des transatlantischen Verhältnisses und der westlichen Ordnung, die auch Albrights Ordnung gewesen ist. Mitte Juli erscheint ihr neuestes Buch in Deutschland, es trägt den provokanten, bissigen und sehr brutalen Titel "Faschismus. Eine Warnung".

Sie empfängt in ihrem Büro in Washington. In der Ecke schläft ein Stofftiger, auf dem eine viereinhalb Kilogramm schwere Packung Toblerone liegt; ein Geschenk ihrer Studenten an der Georgetown University. Albright zeigt auf ein gerahmtes Bild an der Wand. Es zeigt einen Auszug aus dem Passagierregister der SS "America", auf der sie nach dem Zweiten Weltkrieg von Europa in die USA kam.

Albright: Sehen Sie, hier steht mein Mädchenname, Marie Korbelova, elf Jahre alt, eingewandert am 11. November 1948. Meine Geschwister und meine Eltern waren dabei. Daneben hängen Urkunden von Bill Clinton und eine Auszeichnung, die mir Barack Obama verliehen hat. Das ist meine Lebensgeschichte, wenn Sie so wollen.

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Nr. 28/2018