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Gesellschaft

Die Wut der klugen Köpfe

Auch unter Gebildeten gedeiht der Hass auf die sogenannten Mainstream-Medien. Diese Entfremdung trifft viele Redaktionen härter als das tumbe „Lügenpresse“-Gebrüll. Lässt sich die Beziehung zum Leser kitten?

RODERICK AICHINGER / DER SPIEGEL
von
Isabell Hülsen
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Gesellschaft

Artus Krohn-Grimberghe ist ein kluger Kopf. Aber die "FAZ" liest er schon lange nicht mehr. DenSPIEGEL hat er vor fünf Jahren abbestellt. Die "Tagesschau" guckt er nur noch ab und zu im Netz. Mit allen dreien ist er groß geworden, "mediale Institutionen" waren das einmal für ihn. Doch das ist vorbei. Mit den deutschen Mainstream-Medien sei er durch, sagt Krohn-Grimberghe.

Krohn-Grimberghe, 37 Jahre alt, blondes Haar, randlose Brille, Jeans und Rolli, ist seit fünf Jahren Junior-Professor an der Universität Paderborn. Sein Fachgebiet heißt "Analytische Informationssysteme und Business Intelligence", maschinelles Lernen und künstliche Intelligenz also. Rationaler geht es kaum.

Aber wenn er über Medien redet, wird Krohn-Grimberghe zornig. "Ich finde es widerlich, dass ich ständig belehrt werde, was ich zu denken habe", sagt er.

Die Stationen seiner Entfremdung kann Krohn-Grimberghe genau benennen: die Berichterstattung über das Schuldendrama in Griechenland, die Flüchtlingskrise, die Debatte um den Atomausstieg. Was er in den deutschen Medien darüber gelesen und gesehen habe, "hat mehr mit Wunschdenken zu tun als mit der Realität", sagt er.

Lügenpresse? Das Wort mag Krohn-Grimberghe nicht. "Mir ist egal, ob Journalisten schlampig sind oder absichtlich einseitig berichten oder ob sie nur betriebsblind sind." Lieber ist ihm das Wort Qualitätspresse in Anführungszeichen: "Qualitätspresse", sogenannte. Es ist die gebildete Version der Verachtung.

Krohn-Grimberghe gehört nicht zu denen, die sich auf Marktplätze stellen und Journalisten bepöbeln. Bisher hat er nicht einmal wütende Leserbriefe geschrieben, dafür hat er keine Zeit. Bis vor Kurzem hat er neben seinem Job an der Uni noch ein IT-Start-up geleitet, er besucht Konferenzen im Silicon Valley.

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Umfrage zum Medienvertrauen

Mit Menschen wie Krohn-Grimberghe hat das Misstrauen gegenüber Medien ein neues Milieu und eine neue Qualität erreicht. Es hat sich vorgefressen: vom Rand in die Mitte der Gesellschaft, dorthin, wo sich Zeitungen und Magazine sicher wähnten – zu den Gebildeten, politisch Interessierten. Das journalistische Selbstverständnis speiste sich bisher aus der Annahme, dass kluge Menschen ohne klassische Medien nicht leben könnten. Journalisten glaubten zu wissen, für wen sie berichten, enthüllen, kommentieren.

Viele Redaktionen aber machen nun die Erfahrung, dass ein wachsender Teil dieser Leser die vermeintliche Beziehung gekündigt hat – manche, wie Krohn-Grimberghe, sind still gegangen, andere machen ihrer Wut und Enttäuschung in Leserbriefen oder bei Facebook Luft.

39 Prozent der Deutschen glauben, dass Medien die Wahrheit verdrehten und Tatsachen verschwiegen, hat eine Allensbach-Umfrage 2015 erhoben. Von "Lügenpresse" wollen inzwischen zwar nur noch 13 Prozent sprechen, wie eine aktuelle Studie des Instituts für Publizistik der Uni Mainz zeigt. Aber 17 Prozent der Deutschen vertrauen Medien grundsätzlich nicht, weitere 41 Prozent nur teilweise. Zu den Leserbriefschreibern, die…

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Nr. 9/2018