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Politik

Die Wächter von Ilitschiwsk

Fern der revolutionären Zentren durchleben die Provinzstädte Tage der Ungewissheit. Wird der Westen siegen? Wird alles Russische überrollt? Im Schatten einer Lenin-Statue geben Säufer, Sänger und Sowjetnostalgiker Antworten. 

FABIAN WEIS / DER SPIEGEL
von
Takis Würger
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Politik

Die Revolution erreichte die Stadt Ilitschiwsk in der Form eines Gerüchts. Drei Busse aus dem Westen der Ukraine seien auf dem Weg in die Stadt, hieß es, voll mit Männern und Waffen. Sie würden kommen, um den goldenen Lenin zu zerstören.

Die Statue misst rund sieben Meter und besteht aus gegossener Bronze. Sie steht auf einem Sockel aus schwarzem Granit und ist bemalt mit rotgoldenem Lack. Vor den Fassaden großer Plattenbauten sieht der Lenin aus wie ein sieben Meter großer Zwerg, der mit weiten Schritten durch die Welt schreitet, sein Gesichtsausdruck lässt vermuten, er wisse genau, wo es hingeht. Kristina Fabrika ist in den bisherigen 21 Jahren ihres Lebens immer wieder an dieser Statue vorbeigekommen. Hier trug ihre Mutter sie als Baby spa- zieren, hier spielte sie als Mädchen Fangen, hier schaut sie kurz vorbei, wenn sie abends eine Runde durch die Stadt läuft.

Aber an diesem Abend Anfang März, während Männer in Uniform auf der Krim das Parlament besetzt halten und die russische Fahne gehisst haben, läuft Kristina vor der Statue auf und ab. Sie trägt eine Lederhose, eine Lederjacke und schwarze kniehohe Springerstiefel. „Das ist unsere Stadt“, sagt sie.

Ilitschiwsk liegt in der Provinz im Süden der Ukraine. Der Bürgermeister sagt, dass die Stadt mit ihren heute 60 000 Einwohnern nach dem Propheten Elias benannt worden sei. Die Leute auf der Straße sagen, der Name Ilitschiwsk komme von Lenins bürgerlichem Vornamen Iljitsch. Die Statue steht an der Lenin-Straße, am Ende einer Platanenallee. Zwischen den Plattenbauten der Stadt glänzt der goldene Lenin wie eine Sonne.

Ilitschiwsk ist weit weg vom Blut des Maidan. Die Mehrheit der Ukrainer wirft keine Molotowcocktails. Die Mehrheit sind Menschen wie…

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Nr. 11/2014