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Gesellschaft

Die Vorausgeeilten

Die deutsche Studentin Elif K. folgte einem Dschihadisten aus Solingen ins „Kalifat“. Jetzt sind sie und ihre drei Kinder Kriegsgefangene der irakischen Regierung. Wie konnte es so weit kommen?

SIMON PRADES / DER SPIEGEL
von
Katrin Kuntz
Lesezeit 19 Min
Gesellschaft

Es ist der 25. August 2017, ein glühend heißer Tag im Irak, als Elif K., eine 29-jährige IS-Anhängerin aus Deutschland, eine letzte WhatsApp-Nachricht aus dem "Kalifat" in die Heimat schickt. Die Häuser um sie herum stehen in Flammen, der Lärm der angreifenden Hubschrauber verschluckt ihre Worte, ihre Kinder schreien bei jeder Explosion. Elif sieht, wie die Welt untergeht, in der sie die letzten vier Jahre verbracht hat. "Unser Leben", denkt sie, "geht jetzt einfach so vorbei."

Elif ist eine schüchterne Frau mit haselnussbraunen Augen, die Kochen und ZDF-Quizsendungen liebt. Seit sie ihr Leben in einer deutschen Kleinstadt gegen den "Islamischen Staat" eingetauscht hat, hat sie ein Abenteuer erlebt, Kinder geboren. Sie weiß auch, wie sich Luftangriffe anfühlen, hat sich Hunderte Male unter dem Bett versteckt, gebetet, geweint und sich gefragt, wie der Tod sich wohl anfühlen werde.

Jetzt schreibt sie dem Vater in Deutschland: "Hallo Papa, uns geht es gut. Ich bin in der Nähe von Tall Afar. Ich muss bald nach Syrien gebracht werden, weil die die ganze Stadt wegbomben. Ich weiß nicht, ob ich noch dreißig Jahre alt werde. Ich melde mich, wenn ich angekommen bin." Dann, wie um zu verdeutlichen, was in den vergangenen Jahren für sie zählte, schickt sie eine letzte Nachricht hinterher: "Lies Koran."

Elif rafft Kleider zusammen, ihr Handy, sie packt die Kinder und rennt aus ihrem Haus. Davor, auf der Straße, liegt ihr Mann. Eine Mörsergranate ist neben ihm eingeschlagen, er ist schwer am Kopf verletzt. Sein Körper ist rot und geschwollen.

Sie ruft seinen Kosenamen: "Hamzi!" Doch Patrick, ihr Mann, Vater ihrer Kinder, ein international gesuchter Dschihadist, reagiert nicht. Der Mann, dem sie ins IS-Gebiet gefolgt war. Er sei am Leben gewesen, erzählt sie, habe sich aber nicht mehr bewegt. "Er sah emotionslos aus", sagt sie leise. "Er lag einfach da." Sie lässt ihn zurück. IS-Männer führen Frauen und Kinder aus der Stadt, die wenig später von Kurden und der irakischen Armee erobert wird.

Elif erzählt diese Szene ihres Abschieds aus dem "Kalifat", zusammengekauert auf einer kleinen Treppenstufe, in einem Gefangenenlager, das die irakische Regierung für ausländische IS-Frauen und ihre Kinder errichtet hat. Elif ist eine zarte und blasse Frau. Ihr Körper ist von einer dunkelblauen Abaja verhüllt, sie zeigt ihr Gesicht, umrahmt von einem schwarzen Schleier, es hat klare Züge. Ein Bügel ihrer Brille ist zerbrochen, aber das bemerkt sie kaum. Elif ist Kriegsgefangene. Zusammen mit 1400 Frauen und Kindern wurde sie von irakischen Sicherheitskräften nach dem Fall von Tall Afar…

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Nr. 39/2017