Lesezeit 15 Min
Politik

Die verwundete Metropole

London ist das Zentrum der Globalisierung, ein Exzess von Geld und Kreativität – und damit der Gegenentwurf zur Brexit-Kleingeistigkeit. Eine Liebeserklärung.

ZED NELSON / DER SPIEGEL
von
Christoph Scheuermann
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Politik

Das Scheißwetter, der Verkehr, der Lärm, das perverse Geld, die bizarren Mieten, die Central Line zur Rushhour, die Gier, die Gleichgültigkeit, die Russen in Mayfair, die Franzosen in Notting Hill, und ein Pint kostet auch längst mehr als sechs Euro – natürlich gibt es eine Menge Gründe, London zu hassen.

Doch dann reißt eine Sekunde lang der Himmel auf, in der U-Bahn lächelt das Mädchen vom Sitz gegenüber, vor dem Theater bekommt man eine Premierenkarte geschenkt, und all das Gejammer ist vergessen. Dann weiß man, dass kein besserer Ort auf der Welt existiert als diese flirrende Stadt, kein spannenderer, kein freundlicherer, kein Ort, der mehr gibt als dieser, trotz Terror, trotz Brexit, trotz dieses Chaos.

London feiert sich zu Recht für seine Coolness, was regelmäßig auf die Probe gestellt wird, zuletzt am Mittwoch. Ein Attentäter raste auf der Westminster Bridge in Passanten und versuchte, in das Parlamentsgebäude einzudringen. Neben der Erschütterung und der Trauer über die Opfer aber herrscht in der Metropole jene sture Gelassenheit, die nur eine Stadt entwickeln kann, die Krisen, Angriffe und Unruhen seit Jahrzehnten gewohnt ist.

London ist gut darin, Schocks zu absorbieren. Die Frage ist, ob das so bleibt. Denn ausgerechnet hier, im Herzen des globalisierten Westens, wird in den nächsten Monaten und Jahren der Austritt aus der EU orchestriert und vollzogen, diese wahnwitzige Übung in Isolation. Die Stadt wehrt sich tapfer gegen die englische Kleingeistigkeit, doch am Ende wird ein Land stehen, das weniger offen, weniger vernetzt sein wird als zuvor, und schon das läuft der Londoner Natur zuwider.

Etliche englischsprachige Zeitungen erscheinen hier täglich, Handelsrouten und Geldströme laufen zusammen, Oligarchen treffen auf Exilanten, Ölscheichs auf Kriegsflüchtlinge, Lebenshungrige auf Geschäftemacher. London atmet die Welt, London ist die Welt. Was hier gesagt, geschrieben, entwickelt und entworfen wird, sprengt jedem das Hirn, der versucht, diese Stadt zu begreifen.

London ist das…

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Nr. 13/2017