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Gesellschaft

Die Vertrauensfrage

Das Verhältnis zwischen der Presse und ihren Lesern, dem Fernsehen und seinen Zuschauern scheint gestört. Viele Deutsche misstrauen den Medien. Manche lassen ihrem Hass auf Journalisten freien Lauf. Wie konnte es so weit kommen?

DAVID KLAMMER / DER SPIEGEL
von
Markus Brauck
,
Georg Diez
,
Alexander Kühn
,
Martin U. Müller
,
Ann-Kathrin Nezik
und
Vanessa Steinmetz
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Gesellschaft

Titelbild

Leser Vollmert
„Sie horchen nicht, was unten passiert“

Eigentlich kann man sich keine bessere Leserin wünschen als Isolde Beck. Sie hat die "Süddeutsche Zeitung" abonniert, die "Badischen Neuesten Nachrichten" und den SPIEGEL. Seit vielen Jahren. Und die Rentnerin nimmt sich Zeit, die Blätter gründlich zu studieren.

Doch in den letzten Wochen ist ihre Beziehung zu den Medien in eine Krise geraten. Sie hat das Gefühl, dass "Nachrichten unterdrückt" würden und "gewisse Dinge nicht ausgesprochen werden dürfen". Isolde Beck glaubt den Journalisten nicht mehr.

Dem SPIEGEL schickte sie deshalb Anfang Januar einen wütenden Leserbrief zur Titelgeschichte über die Übergriffe in Köln. "Von einer Demokratie oder gar einer Meinungsfreiheit ist in diesem Land nicht mehr auszugehen", schrieb sie, "und die Medien machen überwiegend mit, weil man ja seine Interviewpartner nicht verprellen will, und auch, weil es wohl ein tolles Gefühl zu geben scheint, die Leser zu manipulieren oder zu verarschen, wie man das auch nennen mag." Im Rückblick, sagt Beck, würde sie das nicht mehr so drastisch formulieren. Aber so kurz nach den Übergriffen sei ihre Wut auf die Täter und die Presse groß gewesen, die ihrer Ansicht nach zu spät berichtet hatte.

Beck sah sich in einem Verdacht bestätigt, den sie schon seit Monaten hegte: dass die Medien das Ausmaß der Flüchtlingskriminalität lange verschwiegen hätten. Bereits Ende vergangenen Jahres habe sie sich über Berichte gewundert, nach denen Flüchtlinge nicht krimineller seien als Deutsche. "Woher wollten die Medien das damals schon wissen?", fragt Beck. Für sie ist klar: "Die Medien haben manipuliert, um die Leute zu beruhigen."

Die SPIEGEL-Leserin reiht sich damit ein in eine Bewegung, die in den letzten Wochen an Stärke gewonnen zu haben scheint. Eine Bewegung, die den Journalisten mal mehr, mal weniger laut abspricht, unabhängig zu sein, unvoreingenommen zu berichten.

Es ist ein Phänomen, das sich jeder einfachen Beschreibung entzieht. Laut Umfrage finden 40 Prozent der Deutschen die Medien unglaubwürdig. Und die lautesten Schreier unter ihnen, Menschen wie die Pegida-Organisatorin Tatjana Festerling, fordern auch schon mal öffentlich, die Mistgabeln herauszuholen, um Journalisten aus den Zeitungshäusern zu jagen.

Die Kritik arbeitet sich vor allem an der Berichterstattung über die Flüchtlingskrise ab. Laut einer aktuellen Allensbach-Umfrage glaubt nur ein Viertel der Deutschen, dass die Medien ein korrektes Bild des Bildungsniveaus und des Anteils von Familien und Kindern unter den Flüchtlingen zeichnen.

Isolde Beck ist keine Radikale, sie lehnt die AfD ab. In den Neunzigerjahren brachte sie jugendlichen Zuwanderern Deutsch bei. Trotzdem haben die Tage nach Silvester etwas zerstört. Beck fühlt sich mit ihren Ängsten von den Medien übergangen und auch ein bisschen hilflos, weil ihre Zweifel ein diffuses Gefühl und keine Gewissheit sind. Abbestellen will sie ihre Blätter jedoch nicht. "Wieso?", fragt sie entsetzt. "Ich kann doch ohne die ,Süddeutsche' nicht leben."

Es ist ein Fall von enttäuschter, aber nicht von verlorener Liebe. Und es ist ein Fall, der nachdenklich macht. Wie kann eine Frau, die jahrelang den SPIEGEL, die "Süddeutsche" und die "Badischen Neuesten Nachrichten" liest…

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Nr. 7/2016