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Gesellschaft

Die verlorene Tochter

Während Europa mit dem Schock der US-Wahl ringt, feiert die slowenische Heimat von Melania Trump. Ein Besuch bei alten Freunden, einem Exliebhaber und dem Mann, der sie entdeckte.

MATIC ZORMAN / DER SPIEGEL
von
Christoph Scheuermann
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Gesellschaft

Das Traurige ist, sagt der Bürgermeister, dass alle nach Melania fragen, obwohl seine Stadt doch viel mehr hervorgebracht habe als die künftige First Lady der USA. "Es gibt die Burg oben auf dem Hügel", sein Daumen deutet zum Fenster, "dazu ein jährliches Salamifestival, die Möbelfabrik und im Fluss 30 verschiedene Fischarten für Angler." Nicht zu vergessen die hübschen Wasserkraftwerke.

Der Bürgermeister heißt Srečko Ocvirk, ein freundlicher Herr mit Kinnbart, der an seinem Schreibtisch in der Kleinstadt Sevnica sitzt, im Südosten Sloweniens. Er hatte einen ziemlich ruhigen Job bis zur Präsidentenwahl in den USA. Seit voriger Woche aber wird sein Büro überrannt von Journalisten, die fragen, wie Melania Trump tickt und was die Welt von ihr im Weißen Haus erwarten darf. Melania wuchs in Sevnica auf und ging hier zur Schule, ihr Elternhaus steht am Stadtrand. Ocvirk will das nutzen. Er hofft auf Touristen. Zwar habe er Melania nie persönlich treffen dürfen, wünsche ihr aber Glück. Ach ja, zur Politik ihres Mannes Donald Trump sage er lieber nichts.

Sevnica liegt am Ufer der Save, des größten slowenischen Flusses. 6000 Einwohner, drei Brücken und, zur Freude der jüngeren Leute, ein schneller Zug nach Ljubljana, der Hauptstadt. Sevnica war begeistert über die Nachricht aus Amerika. Am Tag nach der Wahl hing eine US-Flagge gegenüber dem Bahnhof, die Stadt feierte. Während ein großer Teil Europas in Schockstarre verharrte, klirrten in Sevnica Sektgläser. Ein…

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Nr. 47/2016