Lesezeit 16 Min
Gesellschaft

„Die verbaute Zukunft“

Der Soziologe Heinz Bude über die Macht von Stimmungen in der Politik. Er sieht einen Konflikt zwischen Antikapitalisten und Fatalisten, der das Land lähmt.

WERNER SCHUERING / DER SPIEGEL
von
Katja Thimm
und
Cordula Meyer
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Gesellschaft

Bude, 62, hat einen Lehrstuhl für Makrosoziologie an der Universität Kassel. Er ist spezialisiert auf die Deutung deutscher Gegenwartsphänomene.

SPIEGEL: Herr Bude, Sie halten Stimmungen in der Politik für entscheidender als Argumente. Wie kommen Sie darauf?

Bude: Da müssen wir nur um uns schauen: In unserem Land herrscht seit einiger Zeit eine Stimmung absoluter Gereiztheit, die angesichts der Flüchtlingsfrage nun offensichtlich wird. Die Menschen streiten sich darüber bis aufs Messer, in nahezu allen Familien und Freundeskreisen, quer durch alle Milieus. In den sozialen Medien kursieren Schmähungen; Redaktionen und auch wir Gesellschaftsforscher erhalten üble Briefe und E-Mails. Es geht um alles Mögliche in dieser Auseinandersetzung, nur nicht um Argumente.

SPIEGEL: Aber das liegt doch an der großen Ratlosigkeit: Wir wissen nicht, wie wir mit der Flüchtlingsfrage umgehen sollen.

Bude: Die Logik der Gereiztheit, die sich darin ausdrückt, war lange vorher da – sie ist der Ausdruck einer grundsätzlichen Angespanntheit unserer Gesellschaft.

SPIEGEL: Was wollen Sie damit sagen?

Bude: Es gibt zwei Gruppen im Land, die ganz unterschiedlich in die Zukunft blicken: Auf der einen Seite stehen jene, die ich die heimatlosen Antikapitalisten nenne. Sie hadern mit der Ökonomisierung der Gesellschaft. Dazu zählen auch Mittelständler, die auf dem Finanzmarkt, gegen den sie wüten, gutes Geld verdienen. Auf der anderen Seite finden sich die entspannten Systemfatalisten, all jene, die unsere gesellschaftlichen Entwicklungen als gegeben hinnehmen. Sie blicken komplett unterschiedlich gestimmt auf die Welt, und genau das ist die Ursache für den andauernden Zustand zermürbender Gereiztheit.

SPIEGEL: Die einen haben Angst, die anderen zucken lässig mit den Schultern, so ist es nun mal.

Bude: In diesem Streit geht es um eine grundsätzlich unterschiedliche Auslegung unserer Welt: Leben wir in einer gefährdeten Welt, vielleicht sogar in einer, die ihre Zukunft verbaut? Oder in einer…

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Nr. 10/2016