Lesezeit 21 Min
Gesellschaft

Die Stimmen der Frau

Donald Trump, zum US-Präsidenten berufen, regiert nach dem Motto: Make America Male Again. Wie leben die Amerikanerinnen mit dem Mann, den sie gewählt haben? Fünf Frauen erzählen.

SERGE HOELTSCHI / DER SPIEGEL
von
Maren Keller
Lesezeit 21 Min
Gesellschaft

Liebe Hillary Clinton,

ich heiße Lily Bo Holu. Ich bin 9 Jahre alt. Ich habe erfahren, dass du auch antrittst. Und zuerst habe ich lauter Girlpower in mir gespürt, aber dann träumte ich nachts, dass Trump gewonnen hat. In meinem schrecklichen Traum tötete er alle Mädchen auf der ganzen Welt und versklavte alle Tiere. Das war der Moment, in dem ich beschloss, allen Leuten klarzumachen, dass Mädchen regieren können. Wir sind mächtig. Du kannst den Leuten das beweisen. Deswegen stimmen ich und meine Mama und mein Papa für dich.
Liebe Grüße
Lily Bo

Es sind 15 Monate vergangen, seitdem die kleine Lily Bo diesen Brief an Hillary Clinton geschrieben hat, während des US-Wahlkampfs, und ein Teil ihres Albtraums ist danach Wirklichkeit geworden: Donald Trump ist Präsident der Vereinigten Staaten, am 8. November jährte sich der Tag seiner Wahl. Die Stimmen von Lilys Eltern und die Stimmen der Frauen, auf die das Mädchen gehofft hat, haben nicht gereicht, das zu verhindern.

Und so blieb der weiße Anzug der Siegerin, den Hillary Clinton in der Wahlnacht hätte tragen wollen, im Schrank, wie sie jetzt in ihrem Buch "What happened" verriet, in dem sie im Detail nacherzählt, "was passiert ist", wie es zu ihrer Niederlage kam. Weiß, als Tribut an die Suffragetten-Bewegung, die den US-Frauen vor langer Zeit zum Stimmrecht verhalf, weiß, als Reverenz an das Weiße Haus, weiß, als Zeichen des Triumphs der Frau. Stattdessen trug Hillary Clinton in den Stunden nach der Wahl Dunkelgrau und Lila.

Die Frauen in den USA hatten vor einem Jahr Gelegenheit, Geschichte zu schreiben. Sie hätten erstmals eine Frau zur Präsidentin ihres Landes machen, erstmals eine Frau in das mächtigste politische Amt der Welt wählen können. Aber sie wollten nicht.

Viele hatten damals die Hoffnung, dass Clinton die Frauen auf ähnliche Weise mitreißen könnte wie Barack Obama acht Jahre davor die Schwarzen. Und wenn ihr das gelungen wäre, wenn die Frauen ihr beigestanden hätten, wenn sie ihrem Slogan "I'm with her" ("Ich bin für sie") gefolgt wären, hätte Clinton Trump deutlich und mühelos geschlagen. Doch während Obama 95 Prozent der schwarzen Wähler 2008 für sich gewann, stimmten nur 54 Prozent der Frauen für Clinton. Schlecht schnitt Clinton bei jenen Frauen ab, die ihr am ähnlichsten sind: den weißen und den verheirateten. Es war eine der unglaublichsten Zahlen der Nachwahlanalysen vor einem Jahr: Während 94 Prozent der schwarzen Frauen Clinton ihre Stimme gaben, hatte eine Mehrheit von 52 Prozent der weißen Amerikanerinnen – für Trump gestimmt. Für Trump, den Chauvinisten, den Grapscher, den Frauenfeind.

In den Wochen nach der Wahl, so schreibt Clinton, seien viele Frauen mit schlechtem Gewissen auf sie zugekommen, auf der Straße, im Theater, bei…

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Nr. 46/2017