Lesezeit 10 Min
Gesellschaft

Die stille Tragödie

In der Sahara sterben mehr afrikanische Migranten als im Mittelmeer. Überlebende klagen nun die EU an – sie zwinge die Flüchtlinge, immer gefährlichere Routen zu nehmen.

RICCI SHRYOCK / DER SPIEGEL
von
Bartholomäus Grill
Lesezeit 10 Min
Gesellschaft

Es ist ein glutheißer Morgen Anfang August, Aboubakar und seine Freunde liegen auf zerfledderten Schaumstoffmatratzen in einem Lehmbau am Rande von Agadez. Sie rauchen, dösen, schauen auf die kahlen Wände. Wozu aufstehen? Ein Tag ist wie der andere, sie haben nichts zu tun, kein Geld, kaum Hoffnung, seit einer Woche essen sie nur trockene Baguettes. Fünf Männer aus Gambia, zwischen 17 und 24 Jahre alt, gestrandet auf dem Weg nach Europa.

Sie wollten durch die Sahara nach Libyen und von dort übers Mittelmeer nach Italien. Nun sitzen sie fest in einer schäbigen Unterkunft in der nigrischen Wüste und wissen nicht mehr weiter. "Unsere Lage ist total beschissen", sagt Aboubakar. "Wir sind Gefangene."

Wie ihnen ergeht es derzeit Tausenden Westafrikanern, die über das Drehkreuz Agadez nach Libyen reisen wollen. Seit die Grenzsicherung auf Betreiben der EU immer weiter vorverlagert wird, ist der Weg nach Norden schwieriger geworden. Laut Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) hat seit Jahresanfang nur die Hälfte der 70 000 im Niger eingereisten Migranten die Nordgrenzen des Landes überquert. Die anderen sind in der Wüste unterwegs, verschollen oder mussten umkehren und warten nun in staubigen Nestern oder in den Gettos von Agadez auf eine neue Chance. Getto, so werden hier die Notquartiere für Migranten genannt, mittlerweile soll es mehr als 150 geben.

Auch die jungen Männer aus Gambia hausen in einem Getto, zwei Räume, keine…

Jetzt weiterlesen für 0,87 €
Nr. 34/2017