Lesezeit 24 Min
Verbrechen

Die Spur des Geldes

Eine internationale Bande schafft Afrikaner übers Mittelmeer – Tausende sterben dabei. Die Drahtzieher im Millionengeschäft werden gejagt. Eine Fährtensuche von Tripolis über Palermo bis Frankfurt.

DANIEL ETTER / DER SPIEGEL
von
Alexander Bühler
,
Susanne Koelbl
,
Sandro Mattioli
und
Walter Mayr
Lesezeit 24 Min
Verbrechen

Er ist der derzeit meistgesuchte Schlepper der Welt. Fotos von ihm gibt es nicht – nur ein Phantombild, das Fahnder sich zeichnen ließen. Es zeigt einen stämmigen Mann mit scharf geschorenem Haar. Äthiopier soll er sein, Anfang 40, seit zehn Jahren im Geschäft.

Am Telefon klingt seine Stimme dunkel und kehlig, er wählt seine Worte mit Bedacht. Bisweilen streut er englische Brocken ins Arabische ein. "Life jackets" – Rettungswesten –, blafft er ins abgehörte Handy, nachdem am 3. Oktober 2013 eines seiner Schiffe vor Lampedusa gesunken war, "life jackets habe ich noch nie mitgegeben, ist das klar?"

366 Menschen ertranken an jenem Tag unweit der Insel Lampedusa, ihr Ziel vor Augen: Europa. Ärgerlich fand das der Mann, der die Fahrt des Holzkahns organisiert hatte – weniger der Toten, mehr der Rufschädigung wegen: "So viele Flüchtlinge sind aufgebrochen mit anderen Organisatoren und zu Fischfutter geworden, aber davon spricht keiner" – nur er werde gejagt.

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Gekentertes Flüchtlingsboot im libyschen Suwara am 17. August: „So viele sind aufgebrochen und zu Fischfutter geworden“

Er, Ermias Ghermay.

Seit jenem "Tag der Tränen", wie Papst Franziskus klagte, sind an die 10000 weitere Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken – im Schnitt alle drei Stunden einer. In derselben Zeit haben es aber auch fast 500000 Menschen lebend bis an die Küsten Italiens geschafft. Das bedeutet: In die Kassen krimineller afrikanischer Schleuser wurden binnen drei Jahren mehrere Milliarden Euro gespült.

Die Regeln in diesem mörderischen Gewerbe diktieren neben Äthiopiern, Sudanesen und Libyern Männer aus Eritrea. Ihr Heimatland, einer der ärmsten Staaten der Welt, gilt als "gigantisches Gefängnis" (Human Rights Watch) samt Ein-Parteien-Diktatur. Mehr als eine Million Eritreer sind ins Ausland geflohen. Ein gewaltiger Markt für die eritreischen Schlepper, die zunehmend das Geschäft mit Flüchtlingen auf der zentralen Route über das Mittelmeer steuern.

Ihre Residenten in Khartum und Tripolis, in Palermo, Rom und Frankfurt sind, das beweisen Abhörprotokolle der italienischen Staatsanwaltschaft, untereinander bestens vernetzt. Wie Streckenposten weisen sie Landsleuten den Weg nach Norden – und kassieren dabei Millionen.

Unter allen Afrikanern stellen die Eritreer die meisten Asylanträge in der Bundesrepublik. Parallel dazu wächst die Zahl der Schleuser, die Deutschland nutzen, um unterzutauchen. Menschenhandel gehört wie Waffen- und Drogenhandel zu den lukrativsten Sparten organisierter Kriminalität, er ist zu einem von Eritreern kontrollierten Wirtschaftszweig geworden – unter den Augen deutscher Behörden, deren angebliche Untätigkeit bei italienischen Fahndern auf Fassungslosigkeit stößt.

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Der Weg nach Norden: Das Netz der Menschenhändler

Der SPIEGEL hat monatelang in Libyen und Italien, im Frankfurter Bahnhofs- und im Berliner Regierungsviertel recherchiert. Mehr als tausend Seiten italienischer Ermittlungsakten wurden ausgewertet, vertrauliche Dossiers geprüft, überlebende Bootsflüchtlinge befragt. Die Fakten fügen sich zum Porträt einer Gattung zynischer Menschenhändler, die den Tod Tausender in Kauf nehmen; die…

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Nr. 39/2016