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Verbrechen

Die Schuld der anderen

Der Krankenpfleger Niels Högel tötete Patienten in Serie. Nun droht Klinikverantwortlichen der Prozess, weil sie ihn nicht gestoppt haben. Hinweise gab es genug.

JÖRG OBERHEIDE / DER SPIEGEL
von
Hubert Gude
,
Veronika Hackenbroch
und
Julia Jüttner
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Verbrechen

Drei DIN-A4-Seiten, das ist das Beweisstück. 15 Jahre lang lagen sie in einer Schublade des Oldenburger Klinikums. Wo genau, möchte Geschäftsführer Dirk Tenzer nicht sagen, er habe das Papier im Frühjahr der Polizei übergeben. Todesfälle seien dort aufgelistet, ja, und die Namen von Pflegern und Krankenschwestern. Die Notizen seien aber "unvollständig und unsystematisch". Wer die Aufzeichnungen verfasst habe, wisse er nicht.

Für die Ermittler der Sonderkommission "Kardio" bei der Polizeidirektion Oldenburg markieren die Blätter aus dem Jahr 2001 so etwas wie die Stunde null. Denn es handelt sich offenbar um den ersten schriftlich dokumentierten Verdacht gegen den Krankenpfleger Niels Högel, der Dutzende Patienten getötet haben soll, indem er sie in einen lebensbedrohlichen Zustand spritzte. Er wollte sie danach reanimieren, "einen besonderen Kick" habe ihm das gegeben, gestand Högel einem Gutachter. In seinem letzten Prozess wurde er 2015 unter anderem wegen zweifachen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.

Noch bevor das Urteil gesprochen war, machte Högel selbst klar, dass er wohl noch viel mehr Menschen auf dem Gewissen hat. Inzwischen ist die Staatsanwaltschaft Oldenburg überzeugt: Mindestens 41 Patienten, die ihm anvertraut waren, sind vermutlich für diesen "Kick" gestorben. Es wäre eine beispiellose Mordserie, ein Jahrhundertverbrechen.

Einige Hundert Todesfälle aus den Jahren 1999 bis 2005 an den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst untersuchen die Ermittler von der Soko "Kardio", rund hundert Leichen wurden bisher exhumiert. Im nächsten Jahr erwartet Högel ein weiterer Mordprozess.

Mehrere verstorbene Patienten, die der heute 39-jährige ehemalige Krankenpfleger getötet haben soll, finden sich bereits in dem Papier von 2001. Da arbeitete Högel, damals 24, seit knapp zwei Jahren auf der herzchirurgischen Intensivstation im Klinikum Oldenburg. Ein Todesengel, der noch vier Jahre Zeit haben sollte, ungestört zu morden.

Das Beweisstück besteht aus zwei Teilen: einer handschriftlichen Liste mit den Namen von etwa 50 Patienten. Hinter jedem Namen steht ein Datum – und daneben in den meisten Fällen ein Kreuz. Der zweite…

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Nr. 44/2016