Lesezeit 24 Min
Gesellschaft

Die neuen Diener

Gut verdienende Deutsche beschäftigen ein Millionenheer von Helfern, die ihnen die anstrengende Arbeit im Haushalt abnehmen. Kehrt die Klassengesellschaft zurück?

MARIA FECK / DER SPIEGEL
von
Ann-Kathrin Nezik
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Gesellschaft

Manchmal genügt ein Malheur, um das fragile Gebilde, das sich Familie nennt, durcheinanderzubringen. So wie an jenem Tag vor einigen Wochen. Julie Sternberg, 35, Produktmanagerin in leitender Position, war geschäftlich in Krakau. Sie saß in einem Meeting, als der Anruf aus Deutschland kam: Elisabeth, ihre dreijährige Tochter, habe Durchfall. Jemand müsse sie dringend aus dem Kindergarten abholen.

Ihr Mann Kai, 36, konnte nicht einspringen. Der Wirtschaftsingenieur steckte bei der Arbeit fest. Es war Anastasiia, das Au-pair der Familie, die zum Kindergarten in Hasloh bei Hamburg fuhr und das Mädchen samt Zwillingsbruder Henry nach Hause brachte.

Nach der Geburt der Zwillinge war Julie Sternberg neun Monate zu Hause geblieben. Viel länger hätte sie es nicht ausgehalten. Sie liebt ihren Job. Ihn für die Kinder aufgeben? "Das stand für mich nie zur Debatte." Julie Sternberg sitzt am Esstisch der Familie, eine große blonde Frau, die eben noch schnell ein Telefonat mit Kunden erledigt hat. Seit Elisabeth und Henry anderthalb sind, arbeitet sie wieder Vollzeit. Genau wie ihr Mann.

Es ist ein modernes Familienmodell, das die Sternbergs leben. So wie Millionen deutsche Paare, die es selbstverständlich finden, nach der Geburt ihrer Kinder in den Job zurückzukehren. Aber auch eines, in dem Zeit eine knappe Ressource ist. Und das ohne Unterstützung von außen kaum auskommt.

Um Job, Familie und Haushalt zu stemmen, haben die Sternbergs ein System von bezahlten und unbezahlten Helfern aufgebaut: Nachmittags, nach dem Kindergarten, betreut das russische Au-pair Anastasiia, 23, die Zwillinge. Mittwochs haben Oma und Opa Kinderdienst. Donnerstags kommt eine Putzhilfe. Kleidung, Schuhe und Möbel bestellt die Familie auf Ebay und bei Amazon. Alle paar Wochen bringt ein Fahrer von Eismann Tiefkühlkost.

"Ich habe gelernt zu delegieren", sagt Julie Sternberg. Weil der Alltag der Familie sonst nicht funktionieren würde. Und weil sie ihre Zeit lieber mit Dingen verbringt, die ihr wichtig sind.

Die wenigen Stunden, die ihr abends bleiben, wolle sie nicht mit Putzen oder Wäschewaschen verschwenden, sagt Sternberg. "Wenn ich entscheiden kann: Decke ich den Abendbrottisch? Oder mache ich mit den Kindern ein Puzzle? Dann nehme ich das Puzzle."

Den Abendbrottisch übernimmt Anastasiia, die seit knapp einem Jahr mit im Haus der Sternbergs wohnt und sich 30 Stunden pro Woche um Kinder und Haushalt kümmert.

Anfangs sei es ihr schwergefallen, Hilfe anzunehmen, sagt Julie Sternberg. Sie habe dem Au-pair nicht bei der Arbeit zusehen können. Besonders dann nicht, wenn sie selbst Freizeit hatte. "Andere Frauen wären in so einer Situation zum Sport gegangen. Ich habe angefangen, irgendwas aufzuräumen oder zu wischen. Eigentlich völlig absurd." Erst mit der Zeit sei sie entspannter geworden.

In den letzten 10, 15 Jahren hat sich die Rollenverteilung in deutschen Familien gravierend verändert: In jeder zweiten Partnerschaft mit Kindern arbeiten heute entweder beide Eltern Vollzeit oder ein Partner Voll- und der andere Teilzeit.

Der Abschied von der Alleinverdienerehe ist ohne Frage ein Fortschritt. Aber er hat auch neue Probleme aufgeworfen: Wer putzt die Wohnung, wer holt die Kinder…

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Nr. 48/2017