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Die nächste Lüge

Eine Expertengruppe der Bundesregierung empfiehlt, Deutschlands Dieselautos mit Katalysatoren nachzurüsten, um ihre Abgase von Schadstoffen zu befreien. Doch Kanzlerin Merkel und Verkehrsminister Scheuer spielen auf Zeit, die Autoindustrie freut sich.

FLORIAN GENEROTZKY / DER SPIEGEL
von
Michael Sauga
,
Gerald Traufetter
und
Christian Wüst
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Der Mann, der die Bundesregierung in Erklärungsnot bringt, ist ein schlaksiger Ingenieur Ende vierzig. Reinhard Kolke steht in einer unscheinbaren Werkshalle im bayerischen Landsberg vor einem anthrazitfarbenen Opel Astra. Er reißt die Heckklappe auf und zeigt auf den Kasten fürs Reserverad. "Das hier ist unser Herzstück", sagt er und grinst verschmitzt.

Es ist ein Tank, gefüllt mit 16 Litern einer Harnstofflösung, die unter dem Markennamen AdBlue verkauft wird. Der Behälter wurde bei einem VW-Händler besorgt. Die Flüssigkeit aus dem Tank rinnt durch durchsichtige Plastikschläuche in einen Katalysator unter dem Bodenblech, wo sie bei Temperaturen ab 220 Grad Celsius die giftigen Schwaden aus dem Dieselabgas unschädlich macht. "Aus dem Auspuff kommen bis zu 70 Prozent weniger Stickoxide", sagt Kolke, das habe er auf seinem Messstand nachweisen können.

Kolke ist kein Umweltaktivist, sondern Leiter des Testzentrums des ADAC, der führenden Lobbyorganisation der deutschen Autofahrer. Er sieht sich als Dieselfreund, spricht der Technologie "großes Potenzial" zu und hält auch die aktuelle Krise für beherrschbar, mithilfe seines Kästchens und des daranhängenden Katalysators. "So sähe die technische Lösung aus, mit der die Bundesregierung Millionen deutscher Dieselbesitzer vor Fahrverboten retten könnte", sagt Kolke. "Jetzt müsste sie eine Richtlinie erlassen, die das erlaubt."

Doch die Regierenden denken gar nicht daran, auf den Ingenieur zu hören. Seit Wochen behaupten führende Vertreter des Bundeskabinetts gemeinsam mit den Bossen der…

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Nr. 18/2018