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Die Methusalem-Formel

Warum sterben Männer früher als Frauen? Bisher wurde die unterschiedliche Lebenserwartung meist auf biologische Faktoren zurückgeführt. Doch das ist falsch. In sardischen Bergdörfern lüften Altersforscher das Geheimnis der Langlebigkeit.

PAOLO MARCHETTI / DER SPIEGEL
von
Jörg Blech
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Was muss man tun, um 100 Jahre alt zu werden? Igino Porcu, 102, lächelt. "Man darf nicht vorher sterben", empfiehlt er.

Um dieses Ziel zu erreichen, ist der Mann an einem idealen Geburtsort auf die Welt gekommen: in Villagrande Strisaili auf Sardinien. Das Bergdorf schmiegt sich an einen Hang in 700 Meter Höhe über dem Tyrrhenischen Meer, das sich an diesem Tag hinter tief hängenden Wolken versteckt. Die alten Römer verspotteten Porcus Vorfahren als Barbaren, weil sie in einer so unwirtlichen Gegend hausten. Barbagia heißt deshalb ein großer Teil des felsigen Hochplateaus.

Das Land der Barbaren ist heute das Land der Hundertjährigen. Ein blasser Alter mit Schiebermütze hockt auf den Treppenstufen vor seinem Haus, eine schwarz gekleidete Greisin lehnt an einer Leitplanke der Straße, die sich durch Villagrande Strisaili schlängelt.

Porcu sitzt, umringt von seinen Kindern und Enkeln, auf einem grünen Sofa. Die zitternden Hände klammern sich an einen Stock, die abstehenden Ohren sind so gut wie taub, aber die Augen blitzen. "Arbeite, arbeite, arbeite – das war der Rat meines Vaters, und ich habe mich daran gehalten", sagt Porcu. "Mit sieben Jahren musste ich Hirte werden und durfte nicht zur Schule gehen. Lesen und Schreiben habe ich mir selbst beigebracht."

Ein vergilbtes Foto zeigt Igino Porcu in Uniform. 1935 hat er für Italien und Mussolini im Abessinienkrieg gekämpft. Nach dem Krieg gründete er in seinem Heimatdorf eine Familie. Fortan hütete er nicht mehr Schafe und Ziegen, sondern baute Obst an und schlug Holz in den Eichen- und Pinienwäldern. Heute lebt er bei seiner Tochter im Ortsteil Villanova.

Porcu ist einer von sechs noch lebenden Hundertjährigen, die in Villagrande Strisaili geboren wurden. Für eine 3300-Seelen-Gemeinde ist das ein hoher Wert. Mindestens ebenso ungewöhnlich ist, dass genau die Hälfte von ihnen Männer sind.

Das sei kein Zufall, sagt Gianni Pes, ein Arzt und Gerontologe von der Universität Sassari im Norden Sardiniens. Er ist dabei, das Geheimnis der Langlebigkeit zu lüften.

Durch ein Eisentor betritt der Mediziner den Friedhof des Dorfes und eilt im Nebel zwischen Grabsteinen umher. Er ruft und winkt, wenn er vor der letzten Ruhestätte eines Menschen steht, der länger als 100 Jahre lebte.

Da liegt Damiana Sette; sie kam im Mai 1877 in Villagrande Strisaili auf die Welt und wurde 1985 begraben und hält hier den Altersrekord. Mario wurde 100, Fortunato 101, Luciano 102. Auf dem mit Zypressen bepflanzten Friedhof ruhen alles in allem 40 Menschen, die 100 Jahre oder älter wurden – 20 Frauen, 20 Männer.

Dottore Pes, 58, hat gemeinsam mit dem Demografen Michel Poulain die Sterbetafel des Dorfes ausgewertet. "Die Männer hier leben länger als an jedem anderen Ort. Und sie werden statistisch gesehen so alt wie die Frauen hier", sagt Pes. "Das ist einzigartig auf der Welt."…

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Nr. 18/2016