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Die Macht der Heiler

Das Geschäft mit esoterischen Therapien wie der Homöopathie boomt. Gutgläubige Patienten werden dabei mit falschen Hoffnungen geködert, nachweislich wirksame Behandlungen bleiben ungenutzt. Krankenkassen übernehmen für manchen Hokuspokus sogar die Kosten.

DIRK FELLENBERG / DER SPIEGEL
von
Veronika Hackenbroch
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Vor acht Jahren schlich sich der Schmerz in Susanne Austs Leben. Erst taten ihr die Finger weh, dann die Knie, schließlich der Kiefer und die Füße. Die Schmerzen waren plötzlich da, verschwanden – und tauchten an anderer Stelle wieder auf. Aust fühlte sich erschöpft, ihre Augen brannten, manchmal brach sie in Tränen aus, einfach so.

In ihrer Verzweiflung befolgte sie den Rat von Freunden, eine Heilpraktikerin aufzusuchen. »Der Arzt gibt dir doch nur Chemie«, bekam sie zu hören. »Ich war ja so gutgläubig«, sagt Aust heute.

Was die 61-Jährige damals noch nicht wusste: Sie leidet an rheumatoider Arthritis, einer schweren Autoimmunerkrankung. Die Heilpraktikerin aber, zu der Aust ging, diagnostizierte: Wechseljahrsbeschwerden. Nach der »Blutkristallanalyse« verordnete sie eine Therapie, die von der Nonne Hildegard von Bingen aus dem Mittelalter stammt. Mehrmals am Tag musste Aust einen mit Kräutern versetzten Rotwein trinken. Preis für drei Fläschchen: 80 Euro.

An manchen Tagen ließen ihre Schmerzen tatsächlich etwas nach – völlig normal bei rheumatoider Arthritis, denn die Krankheit verläuft in Schüben. Doch die Heilpraktikerin hielt jede noch so kleine Verbesserung für einen Behandlungserfolg.

Nur leider kehrten die Schmerzen immer wieder zurück.

Aust musste deshalb zum Aderlass antreten, sie machte Heubäder und Augenwickel, ließ sich vom Zahnarzt das Amalgam entfernen und bekam für die Nacht eine esoterische Zahnspange angepasst.

Der Hokuspokus half nicht. Die Schmerzen wurden sogar schlimmer. Oft fühlte sie sich so zerschlagen »wie ein Frosch, der nach dem Sprung auf Beton gelandet ist…

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Nr. 34/2018