Lesezeit 28 Min
Gesellschaft

Die Lotterie des Lebens

Das Abitur werde durch den gemeinsamen Aufgabenpool endlich vergleichbarer, versprechen die Kultusminister. Und verschweigen, wie unfair es noch immer zugeht.

OLIVER TJADEN / DER SPIEGEL
von
Miriam Olbrisch
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Gesellschaft

Wenn Philipp über die anstehenden Abiturprüfungen spricht, beteuert er erst einmal seine Unschuld. Nein, er werde seine Eltern nicht um Hilfe bitten, so verführerisch das auch sei. Nein, er werde keinen Nachhilfelehrer damit beauftragen, ihm bei der Prüfung zur Hand zu gehen. Philipp, 18 Jahre alt, sagt: "Das muss ich schon selbst schaffen."

Ja, wer denn sonst? Die Frage mag abwegig klingen, aber sie ist es nicht. Denn Philipp wird sein Abitur in Hamburg ablegen, und da geht's anders zu als in weiten Teilen der Republik. Wer will, darf einen Teil der Abiturprüfung zwei Wochen lang zu Hause vorbereiten. Er muss nur die Mündliche durch eine "Präsentationsprüfung" ersetzen: eine Viertelstunde Vortrag, dann eine Viertelstunde Gespräch über diesen Vortrag, fertig.

"Referate halten ist sonst nicht so mein Ding", sagt Philipp. Am Ende hat er sich doch dafür entschieden, in Biologie. "Bei einer normalen Mündlichen können die dich kalt erwischen", meint er. "Wenn du mit der Aufgabe nichts anfangen kannst, hast du echt ein Problem." Das Thema der Präsentation erfahre er hingegen schon früher. "Dann kann ich in Ruhe alles nachschauen, was ich nicht weiß."

Seinen Nachnamen und auch seine Schule möchte der schlaksige Junge nicht nennen. Von sich und seiner Situation an einem Gymnasium im Hamburger Norden zu erzählen, das finde er "okay". Aber er möchte niemanden reinreiten. "Ich kenne einige, die sich von Nachhilfelehrern helfen lassen. Die bauen manchmal sogar die Präsentation." Verwerflich findet er das nicht. "Was spricht denn dagegen, solche Möglichkeiten zu nutzen?"

Das Dumme ist nur, dass diese Möglichkeiten zwar den Schülern in Hamburg und Schleswig-Holstein offenstehen, den meisten anderen aber nicht. Denn im Norden lässt sich die klassische mündliche Prüfung – eine (bis dahin unbekannte) Aufgabe, 30 Minuten Bearbeitungszeit, dann offener Fragenteil – komplett umgehen. Schüler aus Ländern, in denen es solche Regeln nicht gibt, sind mal wieder die Dummen. Sie erhalten auch ein Abiturzeugnis, das allgemein anerkannt und selbstverständlich überall in Deutschland gültig ist – nur leider unter ganz anderen Bedingungen zustande gekommen.

Die deutschen Schulen werden in den kommenden Monaten rund 340 000 jungen Menschen attestieren, die allgemeine Hochschulreife zu besitzen. Das Abiturzeugnis soll zeigen, was war. Das Problem aber ist: Es entscheidet auch darüber, was wird – und was nicht. Das Zeugnis ist die Eintrittskarte in die akademische Welt. Wer es besitzt, darf eine Universität besuchen und hat gute Aussichten auf einen Ausbildungsplatz. Und je besser die Note, desto größer die Chancen, auch in den beliebten Fächern zugelassen und an den begehrten Hochschulen eingelassen zu werden. Knapp die Hälfte der Studiengänge in Deutschland unterliegt Zulassungsbeschränkungen. Heute strömen fast anderthalbmal so viele junge Menschen an die Hochschulen wie noch vor zehn Jahren. Wichtigstes und oft einziges Auswahlkriterium: der Abi-Schnitt.

Die Hürden sind nicht nur an den renommierten oder traditionsreichen Universitäten hoch. Und nicht nur angehende Mediziner und Psychologen plagen sich mit der Sorge, trotz guter Noten keinen Studienplatz zu ergattern, und haben Angst, dass der Traumberuf ein Traum bleibt. An der Fachhochschule Eberswalde drängelten sich im Wintersemester 433 Bewerber um 48 Plätze im Fach Forstwissenschaft, alle mit einem Notendurchschnitt schlechter als 2,3 mussten draußen bleiben.

Daher wird das Zeugnis im ganzen Land nach gerechten und gleichen Kriterien vergeben, so könnte man denken. Und so würde man es gern auch verstehen, wenn die Kultusminister eine "Vereinbarung über Einheitliche Prüfungsanforderungen in der Abiturprüfung" treffen und sich eines "gemeinsamen Aufgabenpools" rühmen. Doch die Realität in dieser Republik ist eine andere.

Wie lässt sich erklären, dass Thüringer…

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Nr. 18/2017