Lesezeit 15 Min
Wissen

„Die Liebe ist uns eigen“

Der amerikanische Ornithologe Richard Prum hat den Sex der Vögel bis ins Detail studiert, nun erklärt er, wie die Schönheit in die Welt kam – und wie die Evolution auch den wilden Menschenmann in ein friedliches Wesen verwandelt hat.

BEN SKLAR / DER SPIEGEL
von
Johann Grolle
Lesezeit 15 Min
Wissen

Prum, 55, ist Kurator des Naturkundemuseums an der Yale-Universität in Connecticut. Jahrzehntelang hat er das Balzverhalten von Vögeln erforscht. Unerschöpflich scheint ihm die Vielfalt der Methoden, mit denen Männchen um das Wohlgefallen ihrer Partnerinnen werben. In seinem neuen – bislang nur auf Englisch erschienenen – Buch untersucht der Ornithologe, wie es in der Evolution zu dieser unglaublichen Opulenz kommen konnte*.

Das Buch

* Richard O. Prum: "The Evolution Of Beauty: How Darwin's Forgotten Theory of Mate Choice Shapes the Animal World – and Us". Doubleday; 448 Seiten.

SPIEGEL: Professor Prum, unter all den Wundern der Natur hat ausgerechnet der Sex der Enten Ihre Forschung inspiriert. Wieso?

Prum: Seit je fasziniert mich das sexuelle Leben der Vögel. Aber wohl bei keinem anderen Tier tritt der sexuelle Konflikt, den das weibliche und das männliche Geschlecht miteinander austragen, so offen zutage wie bei den Enten.

SPIEGEL: Und deshalb haben Sie sich dem Studium ihrer Genitalien zugewandt?

Prum: Nein, angefangen hat es viel banaler. Eine Mitarbeiterin suchte ein neues Forschungsthema und wollte sich mit Genitalien beschäftigen. Ich dachte: Warum nicht? Mit diesem Ende des Vogels habe ich mich noch nie befasst. Dass daraus sechs, sieben Jahre intensive Forschung über Entensex hervorgehen würden, habe ich nicht geahnt.

SPIEGEL: Was hat Sie am meisten überrascht?

Prum: Oh, vieles! Es fing schon damit an, dass in der Literatur riesige Entenpenisse beschrieben wurden. Dann guckten wir selbst nach und fanden – fast nichts. Was war da los? So entdeckten wir, dass die Genitalien von Enten jedes Jahr neu wachsen. Ein Penis, der im Frühsommer 10 oder 15 Zentimeter lang ist, schrumpft…

Jetzt weiterlesen für 0,95 €
Nr. 23/2017