Lesezeit 21 Min
Gesellschaft

Die letzte Zeugin

Gayle Gladdis reist durch die USA, um dabei zuzusehen, wie Menschen durch Giftspritzen getötet werden. Das Gesetz verlangt die Anwesenheit einfacher Bürger. Freiwillig sieht sie, was fast niemand mehr sehen will. Warum tut sie das?

CLAAS RELOTIUS / DER SPIEGEL
von
Claas Relotius
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Gesellschaft

An einem späten Januarabend, der Himmel über Joplin, Missouri, ist ohne Mond, verlässt eine kleine zierliche Frau ihr Haus, um einen Mann, den sie nicht kennt, sterben zu sehen. Sie verriegelt die Tür, dreht den Schlüssel dreimal um, dann geht sie eine menschenleere Straße entlang, zum Busbahnhof. Sie besorgt sich ein Greyhound-Ticket für 141 Dollar nach Huntsville, Texas, und zurück. Sie hat nur eine Handtasche und einen leichten Rucksack mit einer Bibel, einer Zahnbürste und ein paar Keksen als Proviant dabei. Gayle Gladdis, 59, eine Frau mit schulterlangem Haar und Perlenohrringen, plant, nicht länger als 48 Stunden unterwegs zu sein, um das Böse aus der Welt zu schaffen.

Sie setzt sich auf einen Platz vorn rechts, auf langen Busfahrten, sagt sie, werde ihr oft übel. Die Reise nach Huntsville dauert gut 15 Stunden, Gladdis hat schon viele dieser Reisen hinter sich. In Jarratt, Virginia, hat sie einen Mann, der sich mit Händen und Füßen gegen die Spritze wehrte, um Gnade flehen hören. In Jacksonville, Florida, hat sie gesehen, wie sich einer, der sein Leben lang ein Teufel war, im letzten Moment vor Angst in die Hose machte. In Florence, Arizona, wurde sie Zeugin, wie ein Verurteilter in dem Augenblick, als sie ihn töteten, nach Gott und seiner Mutter rief.

Der Bus rollt langsam aus der Stadt, über den Freeway in die Nacht. In Huntsville wird Gayle Gladdis zum zehnten Mal Zuschauerin sein. Sie wird den Mann, dem sie noch nie zuvor begegnet ist, festgeschnallt auf einer weißen Liege sehen. Sie wird die Nadeln in seinen Armen zählen, und sie wird hören, ob er noch etwas zu sagen hat. Sie hat so etwas wie eine persönliche Einladung dabei, einen Brief mit dem Sternenbanner des Bundesstaates Texas, darauf steht: "Citizen witness to an execution", bürgerliche Zeugin einer Hinrichtung. Ohne Leute wie sie, ohne Bürger, die freiwillig als Zeugen dienen, darf der Staat Texas den zum Tode Verurteilten nicht hinrichten.

Gladdis ist nicht ihr richtiger Nachname, aber sie will diesen lieber nicht öffentlich lesen. Gayle Gladdis hat fast niemandem verraten, wohin sie fährt und was sie dort erleben wird. In dem Büro in Joplin, wo sie als Sekretärin arbeitet, hat sie eine Woche Urlaub genommen, ihrem Chef hat sie gesagt, sie wolle sich erholen. Ihren Freundinnen im Kirchenverein hat sie gesagt, sie fahre für zwei Tage raus aufs Land. Ihren Nachbarn hat sie erzählt, sie besuche ihre Schwiegertochter. "Gott weiß", sagt Gladdis mit leiser Stimme und Südstaatenakzent, "ob sie verstehen würden, was ich in Wahrheit tue."

Gayle Gladdis holt einen Zeitungsartikel aus ihrer Handtasche und setzt ihre Lesebrille auf. Der Artikel handelt von jenem Mann, der in Huntsville getötet werden soll, in weniger als 16 Stunden. Sein Name ist Anthony Shore. Das Foto der Zeitung zeigt einen Mann mit kurz rasiertem Haar und teigigem Gesicht, 55 Jahre alt, zweimal verheiratet, Vater zweier Kinder; Vergewaltiger und Serienmörder. "Für Bestien wie…

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Nr. 10/2018