Lesezeit 41 Min
Verbrechen

Die Lebenden und die Toten

Vor einem Jahr erstickten 71 Flüchtlinge in einem Kühllaster auf einer Autobahn nach Österreich. Die Rekonstruktion eines europäischen Massenmords.

BESARAN TOFIQ / DER SPIEGEL
von
Rafael Buschmann
,
Fiona Ehlers
,
Özlem Gezer
,
Maik Großekathöfer
,
Guido Mingels
,
Claas Relotius
und
Takis Würger
Lesezeit 41 Min
Verbrechen

Am Steuer eines weißen Kühllasters der Marke Volvo sitzt am frühen Morgen des 26. August 2015, eines Mittwochs, ein Mann namens Ivaylo S. und fährt auf einer ungarischen Autobahn Richtung Wien. Worum seine Gedanken kreisen, ob er gerade eine Zigarette raucht, wissen wir nicht, und auch nicht, ob er das Radio angestellt hat, ob er vielleicht deswegen die Hilferufe nicht hört aus dem Kühlraum hinter ihm, wenn es solche denn gegeben hat.

Aus den Ermittlungsakten der Landespolizeidirektion Burgenland:

Zwecks Durchführung der Fahrt wurde der bulgarische Staatsbürger S. Ivaylo als Lenker des LKW Kühltransporters weiß, Type FL6L, mit ung. Zollkennzeichen, Z-12198/15 mit hoher Wahrscheinlichkeit gegen Entgelt, engagiert.

Im Kühlraum steht im selben Zeitraum, dicht an dicht mit 70 anderen Menschen, der Iraker Saeed Mohammed, 35 Jahre alt, der nach Deutschland will, um eine neue Niere zu bekommen, ein neues Leben, den weitaus größten Teil der Reise hat er geschafft. Was er in diesen Minuten denkt, ob er sich freut auf das Ziel seiner Flucht, das näher rückt, ob er sich nach seiner Familie und seinen Freunden sehnt, wissen wir nicht, und auch nicht, wann die Atemnot ihn erreicht und ob ihm klar wird, dass er sterben wird.

Es wird sieben Uhr.

Ivaylo S., der Schlepper, hält seinen Fuß auf dem Gaspedal und nähert sich der österreichischen Grenze. Die 71 Menschen, seine Fracht, darunter Saeed Mohammed, sind tot.

Aktenzeichen B4/19007/2015, die Liste der Opfer:

Leiche Nr 01: YOUSEFI Din Mohamad, 22, männlich, Afghanistan
Leiche Nr 02: GAILANI Zainab Amer, 17, weiblich, Irak
Leiche Nr 03: NAZARY Zahra, 20, weiblich, Afghanistan

Der Tag darauf, der 27. August, sollte ein schöner Tag werden, hatten sie in den Frühnachrichten gesagt, heiß und wolkenlos wie die Tage zuvor, die Sonne steigt seit 6.30 Uhr, der Dienst von Harald Seitz beginnt um 7 Uhr. Seitz trägt eine leuchtend gelbe Signalweste über der dunkelblauen Dienstuniform, er ist Verkehrspolizist der Autobahninspektion Potzneusiedel, Burgenland, Österreich, ein erfahrener Mann, über 20 Jahre im Dienst, graues, kurz geschnittenes Haar, klarblaue Augen, 52 Jahre alt. Ein Kollege sitzt neben Seitz im grauen VW Passat, sie fahren die A4 Richtung Wien und Budapest auf und ab.

Der weiße Kleinlaster, der in einer Parkbucht kurz vor der Ausfahrt Parndorf steht, ist Seitz schon am Vorabend aufgefallen. Jetzt, kurz vor elf Uhr, steht er immer noch da. Ein Gärtner der Autobahnmeisterei hatte sich bereits beschwert, als er in der Nähe das Gras mähte. Seitz und sein Kollege sind auf dem Weg zur Mittagspause, da sagt Seitz, "fahr mal rechts ran, ich schau schnell, was da los ist“.

Um 10.50 Uhr überprüften GrInsp Harald SEITZ und GrInsp Gerhard GANGL den ggstdl LKW Kühltransporter. Dieser war auf der A4, in Fahrtrichtung Wien, in der Pannenbucht StrKm 41,380 abgestellt.

Gruppeninspektor Seitz steigt aus und läuft zum Führerhaus. Die Beifahrertür ist versperrt, die Fahrertür hingegen offen, ein Schlüssel steckt nicht. Seitz läuft um den Laster herum und sieht, wie hinten an der Ladetür dunkelrote Flüssigkeit auf den Asphalt tropft. Er nimmt einen betäubenden Gestank wahr und bemerkt das große Hühnerfoto auf dem Laster, die abgebildete Gabel, die in Hühneraufschnitt sticht, Seitz denkt an verdorbene Ware. Mit einem kräftigen Ruck öffnet er die Tür.

Der Polizist verharrt, dann weicht er zurück. Verwesungsgeruch raubt ihm den Atem. Die rechte Flügeltür ist nur einen Spalt geöffnet, 20 Zentimeter vielleicht, er starrt hinein. Er sieht viele Körper, seltsam verrenkt. Schwarzes Haar. Kaum noch zu erkennende Gesichter.

Seitz fasst sich, ruft in den Wagen, "hallo, ist da wer?", obwohl er ahnt, "dass da nichts mehr zu machen ist". Es kommt kein Laut zurück. Er geht zu seinem Kollegen, sagt, "darinnen liegen etwa 20 Menschen, die sehen nicht gut aus". Sie machen dann noch ein Foto mit dem Handy, um den Kollegen in der Zentrale die Lage schildern zu können.

Tel Vorausmeldung an das Landeskriminalamt Burgenland von GrInsp Harald SEITZ am 27.08.2015, 11:10 Uhr.

Seitz ruft seine Dienststelle an, schildert das Unsagbare, fragt, hilflos: "Was soll ich machen?“

Dann schickt er eine SMS an die Polizeizentrale: "Lkw mit circa 20 Toten auf A4 Parndorf aufgefunden.“

Leiche Nr 04: AI-MUSAWI Saad Jumaah Majeed, 33, männlich, Irak
Leiche Nr 05: MOHAMMAD Dad, 27, männlich, Afghanistan
Leiche Nr 06: SOLTANI Ali Rezaa, 21, männlich, Irak
Leiche Nr 07: MASSOUD Youssef, 34, männlich, Syrien
Leiche Nr 08: AL-OGAIDI Imad Khalaf Jassam, 41, männlich, Irak

Es ist nun ein Jahr her, dass Saeed Othman Mohammed und die 70 anderen Flüchtlinge im Kühllaster erstickt sind. Ein Jahr, dass Ivaylo S. und seine Mittäter verhaftet worden sind. Ein Jahr, seit Harald Seitz die Tür geöffnet hat zu diesem "schlimmsten Massenmord der 2. Republik", wie ein österreichischer Politiker die Tat in einem Tweet noch am selben Tag bezeichnete.

Schlagzeilen sprechen damals vom "Grauen in der Pannenbucht", von einer "Fahrt zur Hölle", von einem "Schock für Europa". Österreichs Innenministerin Johanna Mikl-Leitner spricht einen Tag nach dem Leichenfund auf einer Pressekonferenz von einem "Weckruf" und der Notwendigkeit, nun "möglichst rasch europäische Lösungen für das Problem zu finden". Es ist das Jahr der "Flüchtlingskrise", das Jahr der "Balkanroute", des gescheiterten "Dublin-Verfahrens" und das Jahr, in dem Viktor Orbán in Ungarn die Absicht hat, einen Zaun zu bauen, und es auch tut.

Nur eine Woche nach dem Fund wird die deutsche Kanzlerin die…

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Nr. 34/2016