Lesezeit 17 Min
Verbrechen

Die lange Jagd nach dem Mörder

Ein Polizist, ein Bundesanwalt und ein Gefängnisdirektor, alle im Ruhestand, kämpfen für die Opfer von Straftaten – und gegen Ungerechtigkeiten im Rechtsstaat.

DANIEL PILAR / DER SPIEGEL
von
Martin Knobbe
Lesezeit 17 Min
Verbrechen

Wer tötet so? Axel Petermann hat Hunderte Leichen gesehen, nie aber solches Grauen. Die Haare der jungen Frau, verklebt vom Blut. Der Hals, übersät mit Wunden. Eine tiefe Furche oberhalb des Kehlkopfes, vom Seil, an dem sie hing. Er zählt die Schnitte und Stiche, es sind fast 30. Petermann steht vor einem alten Haus im Harz, er hält die alten Fotos vom Tatort in den Händen. Innerhalb von 20 Jahren hat keiner diesen Mordfall gelöst. Er will es nun versuchen.

Er müsste das nicht mehr tun, der Ermittler ist seit eineinhalb Jahren im Ruhestand. Er hat in Bremen als Hauptkommissar über tausend Todesfälle bearbeitet. Er hat drei Bestseller geschrieben und den "Tatort" beraten. In den Zeitungen ist er "Deutschlands bekanntester Profiler". Er ist nun 63 Jahre alt und könnte die Ruhe genießen. Er kann es nicht. Er will es nicht. Er sagt: Es gibt Täter unter uns, die nicht gefasst sind. Es gibt Unschuldige, die im Gefängnis sitzen. Das darf nicht sein.

Wie Petermann beschäftigt sich auch Wolfram Schädler mit einem Mord, dessen Täter noch nicht bestraft ist. Der mutmaßliche Mörder könnte mit einer DNA-Spur überführt werden, doch das Gesetz schützt ihn vor einer Verurteilung. Da er bereits freigesprochen wurde, als die Beweise noch nicht reichten, darf er nicht ein zweites Mal angeklagt werden. In seinem Wiesbadener Anwaltsbüro kämpft Schädler deshalb dafür, das Gesetz zu ändern. Es gibt dazu eine Petition im Internet, 94 097 Menschen haben dafür gestimmt. Schädler hofft, dass es bald 100 000 sind.

Auch er müsste das nicht mehr tun. Fast zehn Jahre lang war der Jurist bei der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe, davor Beamter im hessischen Justizministerium. Jetzt ist er pensioniert. Er ist 68 Jahre alt und könnte seine freie Zeit genießen. Er kann es nicht. Er will es nicht. Er sagt: Ein Verbrechen bleibt ungesühnt, obwohl man den Täter kennt. Das darf nicht sein.

Die beiden Pensionäre kämpfen für die Opfer von Verbrechen und ihre Angehörigen. So wie Hans-Jürgen Kamp. Er sitzt in einem Hamburger Besprechungsraum der Opferschutzorganisation Weißer Ring mit einer Frau, die vom Einbruch in ihre Wohnung berichtet. Er hört die Wut der Frau, ihre Hoffnung, dass der Täter bestraft wird, ihre Sehnsucht nach einem Abschluss. Er kümmert sich um ihren Fall.

Er…

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Nr. 1/2016