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Politik

Die Kinder der PKK

Im Südosten der Türkei eskaliert der Bürgerkrieg: Die Regierung geht gegen militante Kurden vor. Die radikale Jugend, die früher Steine warf, kämpft jetzt in den Städten an vorderster Front.  

EMIN OZMEN / DER SPIEGEL
von
Katrin Kuntz
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Politik

Es war ein Donnerstagmittag Ende Dezember, als Rozerin Çukur ihr Zuhause verließ, angeblich um bei einer Freundin die Mitschriften aus dem Unterricht abzuholen. Sie kam nicht zurück.

Rozerin lief durch die engen Gassen von Sur, dem verwinkelten Altstadtviertel der Millionenstadt Diyarbakır, eine schöne 17-jährige Frau mit dunkelbraunen Haaren. Sie trug ihre Schuluniform, in ihrer Tasche lagen ein Stift und ein Buch.

"Wenige Stunden später", so erzählt es ihr Vater, "kämpfte meine Tochter im Krieg." Sie hatte sich der Jugendbewegung YDG-H angeschlossen, die von der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK unterstützt wird und seit Anfang September auf den Straßen von Diyarbakır mit Kalaschnikows und Sprengfallen gegen die türkische Armee kämpft.

Rozerin starb durch einen einzigen Schuss in den Kopf. Ihre Leiche liegt seit dem 8. Januar in der abgesperrten Altstadt von Diyarbakır, die umgeben ist von einer mächtigen Stadtmauer, Unesco-Weltkulturerbe, seit je Zentrum des kurdischen Widerstands. Rozerins Eltern halten Mahnwache in einem Gemeindesaal, zusammen mit Dutzenden weiteren Eltern, auch ihre Kinder starben im jüngsten Bürgerkrieg im Südosten der Türkei. Die Eltern sagen, sie wünschten sich nur eines: ihre Kinder anständig zu beerdigen. Doch der türkische Staat mache es ihnen unmöglich, sie zu bergen.

Die staatlichen Stellen bezeichnen die toten Jugendlichen als Terroristen, als gewalttätige Mitglieder der PKK. Die Eltern sagen, man habe ihnen zwar angeboten, in kleinen Gruppen die Altstadt zu betreten. Die staatlichen Stellen hätten aber verlangt, dass sie dabei die Waffen der Gefallenen entfernen. Und die Eltern wollten keine Waffen in die Hand nehmen. "Die Soldaten", so fürchten sie, "würden sofort schießen."

Jetzt sitzen die trauernden Mütter auf einem Podest unter schweren…

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Nr. 6/2016