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Wirtschaft

Die Gerechtigkeitsillusion

Seit Monaten folgt Streik auf Streik – Lokführer, Erzieher, Postboten, Piloten. Es geht dabei nicht bloß um ein paar Prozent mehr Geld. Es formiert sich eine Gegenwehr gegen die wachsende Ungleichheit bei der Bezahlung.

JENS GYARMATY / DER SPIEGEL
von
Dinah Deckstein
,
Markus Dettmer
,
Carolin Katschak
und
Kristiana Ludwig
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Wirtschaft

An den Drahtzaun vor dem Paketzentrum Rüdersdorf ist ein gelbes Banner geknotet. "Top-Arbeitgeber Deutsche Post!" steht darauf. Das Posthorn dahinter ist gewaltig. Es thront auf dem höchsten Haus dieses brandenburgischen Areals.

Die Schranke öffnet sich für einen Transporter. Auf dessen Seitentür steht: "Servicepartner der Deutschen Post". Der kleine Unterschied ist bedeutend. Denn das Frachtzentrum besteht aus zwei Flügeln. In dem einen werden die Wagen der Paketboten der Post DHL beladen. Auf der anderen Seite holen sich günstigere Subunternehmer die Kartons ab.

Thomas Neuburg* hat immer zum Post-Flügel gehört. Er ist Paketzusteller, 36 Jahre alt, Stoppelbart, Kappe, fester Zustellbezirk. Zu seinem Bruttolohn von rund 2000 Euro bekommt er Weihnachtsgeld und Prämien. Es war ein Märzmorgen, an dem er begriff, dass sich sein Leben ändern wird.

Im Aufenthaltsraum war es eng. Stühle, Tische, rund 30 Paketboten und ein Kaffeeautomat. Die Entscheidung der Leitung sei am grünen Tisch gefallen, sagte Neuburgs Chef. Einige der Zusteller, die ihre Pakete aus diesem Zentrum holen, sollen künftig kurzfristig erfahren, wohin sie die Sendungen bringen – ob ins Umland oder in die sechsstöckigen Wohnhäuser im nahen Berlin. Ihre Stammtouren übernähmen jetzt Kollegen, die neue Verträge unterschrieben haben: Angestellte der Post-Tochterfirma DHL Delivery GmbH.

Heute sieht Neuburg in Rüdersdorf den Delivery-Kollegen zu, wie sie sich einarbeiten. Für etwa zwei Euro weniger Stundenlohn als er, dafür aber in wesentlich längeren Schichten. Wenn er um 17 Uhr nach Hause fährt, sind sie oft immer noch unterwegs. Sie sind die Verlierer im aktuellen Kampf um Gerechtigkeit. Doch auch Neuburgs Lage hat sich verschlechtert.

Er war der Erste, der vom Fahrer zum Springer ohne feste Route wurde. Weitere Kollegen folgten ihm, auch solche, die seit mehr als 20 Jahren ihre Strecke fahren. Solche, die steile Treppen nicht mehr schaffen. Wer krank wird, den ersetzt jemand von Delivery.

Neuburg hat einmal Bäcker gelernt, über…

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Nr. 27/2015