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Die Geisterfahrer

Die Autoindustrie will weismachen, der Dieselskandal sei ausgestanden. Daran sind erhebliche Zweifel angebracht – wie Messungen des SPIEGEL bei einem Porsche Cayenne belegen, der die Grenzwerte selbst auf dem Prüfstand nicht einhält.

ANDREAS TEICHMANN / DER SPIEGEL
von
Frank Dohmen
,
Dietmar Hawranek
und
Gerald Traufetter
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Wer einen Porsche Cayenne Diesel für mindestens 70 000 Euro kauft, darf ein Spitzenprodukt deutscher Ingenieurkunst erwarten. Sechs Zylinder und 262 PS beschleunigen den Wagen in sieben Sekunden auf 100 Stundenkilometer. Erst bei Tempo 221 erreicht der mehr als zwei Tonnen schwere Geländewagen seine Spitzengeschwindigkeit.

Das ist: "Enthusiasmus. Gesteigert."

So wirbt der Stuttgarter Sportwagenbauer für seinen SUV, und es dürfte selbstverständlich sein, dass der Kunde neben Fahrspaß und Komfort auch überlegene Technik in puncto Umweltschutz geliefert bekommt – dass der Wagen also sämtliche Grenzwerte und Abgasvorschriften einhält.

Der Werbekatalog verspricht, für Porsche und seine Käufer ginge es nur "um den Moment, wenn wir den Schlüssel im Zündschloss drehen. Und was er in uns auslöst".

Doch genau in diesem Moment passiert etwas, von dem Fahrer und Behörden nichts erfahren. Der Zündschlüssel setzt einen von der Software des Wagens geregelten Mechanismus in Gang, der Erstaunliches bewirkt: Er sorgt offenbar dafür, dass der Wagen die Abgasgrenzwerte auf dem Prüfstand einhält, aber schnell umschaltet und den Enthusiasmus des Fahrers auf der Straße anpeitscht – bei deutlich höherem Abgasausstoß.

Ursache hierfür sei die Getriebesteuerung des Cayenne, berichtet am 27. Februar dieses Jahres ein Mann, der sich beim SPIEGEL meldet und sich als Autoexperte ausgibt. Seine Stimme wirkt unsicher. Denn zu seinem Ethos zählen Verschwiegenheit und Loyalität. Doch die ist inzwischen aufgebraucht. Er will nicht mehr schweigen, sondern seinem Gewissen folgen. Und dann füttert uns der Anrufer mit Zahlen, Daten und Details, die so präzise sind, dass sie nur von einem Insider stammen können. Wir entschließen uns, eine aufwendige Recherche anzugehen.

Nach zahllosen Gesprächen, nach Hunderten Kilometern Probefahrt und einem Abgastest auf einem Prüfstand des TÜV Nord ist es einem Team von SPIEGEL-Redakteuren und einem Computerexperten gelungen, den Umschaltmechanismus zu entschlüsseln.

Am Ende der Recherche kommt der Motorenexperte Kai Borgeest von der Hochschule Aschaffenburg zu dem Ergebnis, dass Porsche dank der eingesetzten Technik "gegenüber seinen Kunden und den Zulassungsbehörden niedrigere NOx-Emissionen angeben kann, als das Fahrzeug in der Realität hat". Martin Führ, Experte für Umwelt- und Verwaltungsrecht, sagt, Porsche benutze eine "Abschalteinrichtung, die nach europäischem Recht verboten ist". Und Helge Schmidt, Fachgebietsleiter beim TÜV Nord, sagt: "Die bei diesem Test gemessenen Abgaswerte liegen über dem für die Typenzulassung geltenden Grenzwert." Eine Zulassung für den Betrieb auf der Straße wäre demnach nicht möglich.

Auf Anfrage des SPIEGEL erklärt Porsche: Der beim TÜV Nord durchgeführte Test sei "für Porsche nicht plausibel nachvollziehbar". Das Unternehmen bestätigt, dass der Cayenne V6 TDI über zwei Schaltprogramme verfügt, "ein Warmlauf- und ein dynamisches Schaltprogramm". Porsche habe "umgehend eigene Messungen an einem vergleichbaren Fahrzeug durchgeführt". Dabei seien "die gesetzlich geforderten Stickoxidgrenzwerte in beiden Schaltprogrammen erfüllt".

Der Cayenne V6 TDI, so Porsche, "beinhaltet gemäß unseren vorliegenden Informationen keine unzulässigen Abschalt- oder Umschalteinrichtungen". Porsche hat den Drei-Liter-Dieselmotor von der Konzernschwester Audi übernommen. Er wird auch im Q7, im A8 und A7 von Audi eingesetzt.

Behörden in den USA und in Deutschland hatten schon mehrfach den Verdacht, dass bei den Automatikgetrieben in den Luxusmodellen des VW-Konzerns nicht alles mit rechten Dingen zugehen könne. Bei Messungen fielen die…

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Nr. 24/2017