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Kultur

Die Erfindung Gottes

Die Josephsromane sind Thomas Manns unterschätztes Meisterwerk. Nun sind sie neu erschienen: kommentiert von Jan Assmann, dem Friedenspreisträger 2018, und weiteren Gelehrten.

GERGELY SZATMARI / DER SPIEGEL
von
Volker Weidermann
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Ein heller, großer Saal in einem gelben Haus in Budapest am Hang am Rand der Stadt. Hier wohnt der Dirigent und Komponist Iván Fischer. Er holt eine alte Kiste aus dunklem Holz hervor, stellt sie auf den Tisch am Fenster und zieht einen großen silbernen Schlüssel aus der Tasche. Es ist ein kleines Theaterstück. Iván Fischer hat es noch nie öffentlich aufgeführt. Nur enge Freunde und seine Familie kennen die Kiste und das, was darin ist.

Fischer klappt den Deckel zurück, innen ist die Kiste mit rotem Samt ausgeschlagen. Eine blaue Kladde liegt darin, mehr als 80 Jahre ist sie alt, Iván Fischer schlägt sie auf: "Höllenfahrt" steht oben auf der Seite, mit einzelnen Linien unterstrichen. Der erste Absatz: "Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen?"

Es ist das Typoskript des ersten Bands von Thomas Manns Menschheitsepos "Joseph und seine Brüder", unter dem Titel "Die Geschichten Jaakobs" erstmals 1933 in Deutschland erschienen. Das einzige heute bekannte Typoskript des handschriftlichen Originalmanuskripts, angefertigt direkt nach Beendigung des Romans. Niemand außer der Familie Fischer und engen Freunden, denen sie es zeigte, wusste bislang, dass es diese Abschrift gibt.

Seit Fischer denken kann, ist dieser dicke Packen Schreibmaschinenseiten im Besitz seiner Familie. Der ungarisch-jüdische Übersetzer und Dichter György Sárközi hat ihn Fischers Vater Sandor anvertraut, der mit Sárközi während des Zweiten Weltkriegs in einem deutschen Arbeitslager inhaftiert war. "Für den Fall, dass ich das hier nicht überlebe", hatte er gesagt. Sárközi hatte die Abschrift mit ins Lager genommen, als das Heiligste, Wertvollste, was er besaß. Die ersten drei Bände der Joseph-Tetralogie hatte er ins Ungarische übersetzt. Den vierten nicht mehr. György Sárközi starb am 8. März 1945, drei Wochen vor Befreiung des Lagers Balf, an Erschöpfung oder an Flecktyphus, man weiß das nicht genau. Sandor Fischer hat das Typoskript wie einen Schatz sein Leben lang bewahrt. Seit seinem Tod ist es hier, im Haus seines Sohnes Iván, in diesem dunklen Schrein.

Wenn man jetzt hier in Ungarn Iván Fischer über das Typoskript, über die Tetralogie "Joseph und seine Brüder" und über Thomas Mann reden hört, über die Bedeutung dieses deutschen Dichters, seines Werks, der Melodie seiner Sätze für ihn, für sein ganzes Leben, dann bekommt man noch einmal so ein tiefes Gefühl dafür, was Literatur vermag. 

Fischer ist ein heiterer, freundlicher, irgendwie stets sprungbereiter Herr. Er hat große Orchester dirigiert, die letzten Jahre war er musikalischer Leiter des Konzerthausorchesters in Berlin. Thomas Mann war für ihn von Jugend an ein "Leuchtfeuer der Humanität", so hatte ihn sein Vater immer genannt. "Wir mussten alles von ihm lesen." Sein Schreiben lag wie…

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Nr. 25/2018