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Kultur

Die Erfindung Bagdads

Seit fast 40 Jahren lebt der im Irak geborene Schriftsteller Najem Wali in Deutschland, einem Paradies von Freiheit, Wohlstand, Demokratie. Sein Herz blieb zurück in einer von Terror zerrissenen und verrottenden Stadt, die Leute braucht wie ihn.

MAHMOUD RAOUF / DER SPIEGEL
von
Lothar Gorris
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Das also ist Bagdad? Echt jetzt? Vögel zwitschern, Palmen strecken sich im Wind. Der Rasen ist gemäht, die Beete sind so sauber, dass man es kaum wagt, die Zigarette wegzuschnippen. Halb acht in der Früh auf dem Parkplatz am Terminal, kaum Menschen, kaum Autos, noch weniger Flugzeuge, schon jetzt mehr als 35 Grad.

Najem Wali wird von vier jungen Burschen eines englisch-irakischen Sicherheitsunternehmens abgeholt, Kakihose, blaues Hemd, Militärstiefel, ausgerüstet mit Kalaschnikows, Funkgeräten und zwei Toyota-Land-Cruisern, vier Tonnen Stahl und Panzerglas. Eine kleine Armee. Jemand reicht ihm die Schussweste. Schussweste? Echt jetzt?

Bevor es losgeht, bekommt Wali letzte Instruktionen. Als ob eine gelangweilte Stewardess noch schnell eine Durchsage machen müsste: imfalleeinesdruckverlustesfallenautomatischsauerstoffmaskenausderkabinendecke. Aber was gesagt wird, hört sich einigermaßen beunruhigend an: Wali soll auf jeden Fall im Auto bleiben, egal ob Panne oder Checkpoint oder was auch immer. Am Armaturenbrett ist ein roter Knopf angebracht: Plastikkappe anheben, Knopf drücken, und schon rückt das Rettungskommando aus. Echt jetzt.

Najem Wali blickt etwas sorgenvoll. Bagdad ist, was Gewalt und Terror betrifft, eine Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten. Knapp viereinhalbtausend Kilometer sind es von Berlin. Aber die Entfernung zwischen Exil und Heimat misst sich nicht in Metern, sondern in Jahren.

1980, vor 37 Jahren, verließ Wali den Irak, auf der Flucht vor Saddam Hussein und dessen Folterknechten. Er war 24, als er in Deutschland ankam, zu einer Zeit, als sich Helmut Kohl auf die Kanzlerschaft vorbereitete und Leonid Breschnew noch im Kreml saß. In Walis Heimat folgte eine Katastrophe auf die nächste. Der Krieg gegen Iran in den Achtzigerjahren. Die Besetzung Kuwaits und der erste Einmarsch der Amerikaner. Die lange Zeit des Embargos danach. Die US-Invasion von 2003. Die Jahre des Aufstands gegen die Invasoren. Und seit 2014 die Vandalen des "Islamischen Staates", die über das Land hergefallen sind. 37 Jahre Krieg und Terror haben das Land zerstört, das sich in den vergangenen Jahrzehnten nicht mal die Mühe machte, seine Opfer zu zählen. Wie viele Soldaten getötet? Wie viele Zivilisten? Wie viele Kinder? Hunderttausende? Millionen gar? Auch egal.

Najem Wali ist jetzt 60 Jahre alt. Die Jahrzehnte der irakischen Katastrophe verbrachte er in Deutschland. Ein Leben in Sicherheit und Frieden, Freiheit und Wohlstand. Er hat einen deutschen Pass und eine Wohnung in Kreuzberg. Seine Bücher erscheinen bei Hanser in München, einem der angesehensten Verlage des Landes. Wali ist Teil dessen, was sich in der deutschsprachigen Welt Literaturbetrieb nennt. Lesungen und Stipendien, Preise und Dozenturen, Vorträge und Einladungen sorgen dafür, dass Schriftsteller keine Bestseller schreiben müssen, um zu überleben. Wali beispielsweise hat seit knapp einem Jahr ein Stipendium der Stadt Graz. Als Stadtschreiber bekommt er eine Wohnung auf dem Schlossberg gestellt und jeden Monat 1100 Euro Taschengeld. Egal ob er gerade über Graz schreibt (eher nicht) oder über Bagdad.

Für die Deutschen ist Wali ein Iraker. Für die…

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Nr. 28/2017