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Politik

Die Entzauberte

Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi ist eine Nationalheilige, doch nun tritt sie bei den Wahlen gegen die Militärs an – und erscheint als harte, berechnende Politikerin

PAULA BRONSTEIN / DER SPIEGEL
von
Georg Fahrion
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Politik

Bis eben war es eine fröhliche Wahlkampfveranstaltung. Männer mit grünen Turbanen schlugen Trommeln und Gongs. Frauen in bestickten Röcken schwenkten Parteiwimpel aus Papier. Aung San Suu Kyi machte ein paar Witze, die Leute lachten. Sie sprach von Zusammenhalt, von Frieden und Freiheit. Doch nun steht die Friedensnobelpreisträgerin wie eingefroren auf der Bühne, den Kopf mit den Rosenblüten im Haar zur Seite geneigt, die Arme hängen herab.

Denn aus der Menschenmenge vor ihr erhebt sich die Stimme eines Bauern. "Wir Leute auf dem Land leben in Furcht!", ruft er. "Wir fürchten uns vor der Regierung, vor den Rebellen und vor den Mönchen, die den Buddhismus missbrauchen, um die Gedanken der Menschen zu vergiften." Seine Hand zerhackt die Luft über dem Marktplatz von Hopong, einem Städtchen im Shan-Staat, dem bergigen Nordosten Burmas. Die Menge schweigt.

Ein Zwischenruf wie ein Schwall kaltes Wasser. Doch Suu Kyi verzieht keine Miene, sie hat sich unter Kontrolle. Als der Bauer verstummt, erwacht sie aus ihrer Starre. "Wenn ihr nicht in Furcht leben wollt, brauchen wir eine demokratische Regierung!", ruft sie den Menschen zu.

Eine demokratische Regierung, das soll heißen: eine Regierung der Nationalen Liga für Demokratie (NLD), Suu Kyis Partei. Anfang September hat der Wahlkampf begonnen, am 8. November wird das Parlament gewählt, das den Präsidenten ernennt. Burma könnte die erste demokratische Regierung seit dem Militärputsch 1962 bekommen. Zwar darf Suu Kyi nicht selbst Präsidentin werden, denn die vom Militär diktierte Verfassung verwehrt das Amt Bewerbern, deren Kinder, Eltern oder Ehepartner ausländische…

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Nr. 41/2015