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Gesellschaft

»Die Bewährungsprobe kommt erst jetzt«

Günter Morsch, Leiter der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen, sieht im Kampf gegen Antisemitismus den Staat gefordert und warnt davor, zu stolz auf die deutsche Erinnerungskultur zu sein.

WERNER SCHUERING / DER SPIEGEL
von
Annette Großbongardt
und
Frank Hornig
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Gesellschaft

Morsch, 65, ist Historiker und lehrt am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin. Er leitet seit 1993 »Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen«, seit 1997 ist er auch Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten.

SPIEGEL: Herr Professor Morsch, im Konzentrationslager Sachsenhausen waren von 1936 bis 1945 mehr als 200 000 Menschen inhaftiert, politische Häftlinge, Juden, Sinti, Roma, Zeugen Jehovas, Homosexuelle. Zehntausende wurden getötet. Vor zwei Wochen haben Sie den 73. Jahrestag der Befreiung des Lagers begangen. Wie viele der ehemaligen Häftlinge leben heute noch?

Morsch: Gerade mal sieben Überlebende sind jetzt zum Jahrestag gekommen, es sind wirklich nicht mehr viele, aber einen exakten Überblick haben wir nicht. Die meisten stammen aus Osteuropa, sie kamen als Kinder nach Sachsenhausen.

SPIEGEL: Einer der Überlebenden, der kommunistische Widerstandskämpfer Karl Stenzel, starb 2012. In einer seiner letzten Reden sagte er, fast flüsternd, er war wohl schon schwach ...

Morsch: ... er war so deprimiert!

SPIEGEL: Er sagte: »Wir, die ehemaligen KZ-Häftlinge, wir haben versagt. Wir haben geglaubt, die Welt würde aus unserer Erfahrung lernen, sie würde besser werden, keine Völkermorde mehr, kein Rassismus, kein Antisemitismus, kein Nationalismus, kein Krieg mehr. Doch was hat die Welt aus unseren Erfahrungen gemacht?« Eine bittere Bilanz. Hat er recht?

Morsch: Schon in ihrem »Vermächtnis«, das die Häftlingskomitees fast aller großen Lager von Auschwitz über Flossenbürg, Dachau bis nach Ravensbrück und Sachsenhausen 2009 in Berlin dem Bundespräsidenten übergaben, klingt das ähnlich…

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Nr. 19/2018