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Die Auslöschung des Willens

Was denken und fühlen Menschen, die im eigenen Körper gefangen sind? Der Tübinger Neurobiologe Niels Birbaumer hat eine Methode entwickelt, mit Locked-in-Patienten zu kommunizieren. Für die Betroffenen ist er die letzte Hoffnung.

JOHANNES ARLT / DER SPIEGEL
von
Frank Thadeusz
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Gut 40 Jahre nach ihrer Hochzeit hörte Waltraut Faehnrich auf, mit ihrem Mann Joachim zu sprechen. Es war nicht aufgestauter Ehegroll, der sie in die Sprachlosigkeit trieb. Schuld an ihrem Schweigen war die Sprechmuskulatur, die eines Tages für immer versagte.

Im Mai 2007 hatten Ärzte bei ihr eine Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) diagnostiziert. Bei diesem Leiden sterben im Körper unaufhaltsam jene Nervenzellen ab, von denen die willkürlichen Muskelbewegungen gesteuert werden. Wie nach einem unsichtbaren Drehbuch verlor die ältere Frau nach und nach die Kontrolle über ihren Körper. Ihr Ehemann musste hilflos dabei zusehen.

Bei manchen Betroffenen verläuft die unheilbare Lähmung vergleichsweise mild. Der weltweit wohl prominenteste ALS-Patient, der britische Physiker Stephen Hawking, lebt bereits seit Jahrzehnten mit der Krankheit. Allerdings kann sich der Kosmologe nur noch über einen Sprachcomputer mitteilen.

Bei den meisten Kranken hingegen nimmt die Nervenkrankheit einen aggressiveren Verlauf. Der Künstler Jörg Immendorff etwa verstarb 2007, neun Jahre nach der Erstdiagnose. Die meisten ALS-Patienten ersticken nach einer durchschnittlichen Überlebenszeit von etwa drei bis fünf Jahren. Oder sie erleiden, bedingt durch ihre ermattete Schluckmuskulatur, eine tödlich verlaufende Lungenentzündung.

Im Fall von Waltraut Faehnrich mündete der Nerven-Blackout in ein Szenario wie aus einem Horrorfilm. Ihr Geist ist inzwischen vollkommen eingeschlossen in einem Körper, der keinen einzigen Muskel mehr rühren…

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Nr. 26/2015