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Wissen

Die Allmacht des Forschers

Der Genetiker Kari Stefansson entschlüsselt das Erbgut der Isländer, um die Ursachen vieler Krankheiten zu enträtseln. Er weiß, welche 2000 Menschen in seinem Land ein hohes Risiko tragen, an Krebs zu erkranken. Darf er es ihnen sagen?

CHRISTOPHER LUND / DER SPIEGEL
von
Kerstin Kullmann
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Kari Stefansson möchte den Isländern ein Geschenk machen. Er verfügt über das Wissen, eine Krebserkrankung früh zu entdecken. Im Durchschnitt zwölf Jahre würden die Betroffenen länger leben. Es wäre, wenn man so will, das Geschenk des Lebens.

Aber die Isländer wissen nicht, wie sie mit diesem Geschenk umgehen sollen. Das liegt zum einen daran, dass es das auf der Welt noch nicht gab: dass ein Wissenschaftler ein solches Risiko für eine ganze Nation berechnen kann. Das liegt aber auch daran, dass Stefansson, 65, sich im Umgang mit den Menschen hier gern groß und mächtig gibt. Nicht jeder im Land ist ihm deshalb wohlgesinnt.

Wer mit ihm verabredet ist, den bittet er in seine Firma Decode in Reykjavík. Die Zentrale befindet sich in einem lichten, hohen Gebäude in einem Gewerbegebiet am Rand der Stadt. Stefansson ist groß, sein Haar, sein Bart sind weiß. Er trägt einen schwarzen Rollkragenpullover und einen grauen Anzug. Als er den Raum betritt, verstummen die Gespräche. Die Anwesenden erheben sich von ihren Plätzen.

Stefansson tritt grußlos heran. Er greift in eine Schale auf dem Tisch, nimmt sich eine Banane und sagt: "Wir sind alle Primaten. Wir müssen Bananen essen." Dann dreht er auf dem Absatz um und kehrt in sein Büro zurück. Die Anwesenden setzen sich wieder. Ein Mitarbeiter lächelt verlegen. Es war ein kurzer Auftritt.

Stefansson wird wiederkommen. Er wird dröhnen, schimpfen, er kann ein sehr aufbrausender Mann sein. Spricht…

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Nr. 36/2015