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Wirtschaft

„Die Agrarwende wird nicht kommen“

Bauernpräsident Joachim Rukwied, 54, über die Entfremdung zwischen Landwirtschaft und Verbrauchern, verbalen Ökolifestyle und die Verantwortung für Tiere

WERNER SCHÜRING / DER SPIEGEL
von
Susanne Amann
und
Michaela Schießl
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Wirtschaft

SPIEGEL: Herr Rukwied, kaum eine Branche steht so in der Kritik wie die Landwirtschaft. Der Umgang mit Tieren und die Behandlung der Böden stößt bei den Bürgern auf wachsenden Widerstand. Wie gehen Sie damit um?

Rukwied: Wir stellen uns der Diskussion, auch der veränderten Einstellung gegenüber der Landwirtschaft. Wir sind bereit für Veränderungen. Aber wir gehen selbstbewusst in diesen Disput, weil wir überzeugt sind, dass das, was wir tun, richtig ist.

SPIEGEL: Auf dem Bauerntag im Juni in Erfurt war wenig Veränderungswille zu spüren. Da war von "unberechtigten Vorwürfen" die Rede, es würde, so hieß es, Gülle über redliche Bauernfamilien ausgekübelt. Sie selbst bezeichnen Begriffe wie "Agrarindustrie" und "Massentierhaltung" als Kampfparolen. Wie soll man auf dieser Basis diskutieren?

Rukwied: Landwirt zu sein ist nicht bloß ein Job. Da steckt Herzblut und Überzeugung drin. Tierhalter arbeiten in der Regel das ganze Jahr, auch an Sonn- und Feiertagen. Es ist ihr persönlicher Antrieb, gut mit ihren Tieren umzugehen. Wenn dann Begriffe wie "Massentierhaltung" oder "Qualzucht" fallen, tut es dem Landwirt in der Seele weh. Er hat ein komplett anderes Selbstverständnis.

SPIEGEL: Zum Selbstverständnis von Landwirten gehören Dinge wie das Kupieren von Schweineschwänzen, die Kastration von Ferkeln ohne Betäubung, das Schreddern von Küken oder die Zucht von Puten, die wegen ihrer überdimensionierten Brust nicht mehr laufen können. Sie wundern sich, dass das auf Widerstand stößt?

Rukwied: Wir…

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Nr. 38/2015