Lesezeit 19 Min
Politik

Die Abgehängten

Die SPD zerfleischt sich, der Linken droht die Spaltung, und die Grünen driften nach rechts. Die politische Linke in Deutschland und Europa ist machtloser denn je.

MARCUS SIMAITIS / DER SPIEGEL
von
Nicola Abé
,
Markus Feldenkirchen
,
Veit Medick
,
Ann-Katrin Müller
,
Tobias Rapp
und
Christian Teevs
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Politik

Es ist 16.30 Uhr am Dienstag dieser Woche, als Martin Schulz in Berlin-Tegel den Eurowings-Flieger 9043 nach Düsseldorf betritt. Auf dem Kopf trägt er eine dunkle bretonische Fischermütze, die er erst kürzlich wieder hervorgekramt hat. Die steife Kappe macht ihn strenger. Typ Arbeiterführer. Auf zum letzten Gefecht.

Der Parteichef nimmt auf Sitz 1A Platz. Gleich hinter ihm sitzen bereits Andrea Nahles, die Fraktionsvorsitzende, und Karl Lauterbach, der Gesundheitsexperte. Sie reisen nach Düsseldorf, wo sie wieder mal stundenlang diskutieren werden, um die vielen Genossen zu überzeugen, die erbittert gegen eine Große Koalition kämpfen.

Das ewige Drama dieser chronisch zur Selbstzerfleischung neigenden Partei erreicht in den Tagen vor dem Bonner Sonderparteitag an diesem Sonntag seinen vorläufigen Höhepunkt.

Nahles und Schulz glauben, ihre Partei mit dem Eintritt in die Große Koalition zumindest vorerst vor dem Untergang zu retten. Ihre Gegner aus der NoGroKo-Fraktion glauben ebenfalls, die SPD mit ihrem Einsatz zu retten. Die Frage ist nur, ob sich die SPD überhaupt noch retten lässt.

Wie aufreibend die Mission ist, lässt sich im grellen Licht der Flugzeugkabine nicht mehr kaschieren. Lauterbach wirkt noch schmaler als sonst, Schulz' Augenringe sind um einiges tiefer, Nahles gähnt. Sie wirken erschöpft wie selten zuvor in ihrer Karriere. Erst die nächtelangen Sondierungsgespräche, nun die Überzeugungstournee kreuz und quer durch die Republik. Der Kampf gegen den Untergang kostet enorme Kraft.

"Ich mache jetzt mal ein Nickerchen", sagt Schulz, als der Flieger abhebt. Dann schließt er die Augen. Es dauert nur Sekunden, bis er vor Erschöpfung eingeschlafen ist. Auch Nahles und Lauterbach nicken umgehend ein.

Die drei abgekämpften und ausgelaugten Spitzengenossen im vorderen Bereich der Eurowings-Maschine sind ein trauriges Sinnbild für den Stand der politischen Linken im Jahr 2018. Es ist nicht nur die SPD, die mit sich, ihrer Identität, ihrer Erfolglosigkeit und ihren Widersprüchen ringt und die es dabei fast zerreißt. Der Partei Die Linke, das Resultat einer früheren Zerrissenheit und einer Abspaltung von der SPD, droht dieser Tage selbst die Spaltung. Weil sie sich nicht darauf verständigen kann, wie linke Politik im Zeitalter von Globalisierung und Migrationsdruck auszusehen hat: offen und internationalistisch oder abschottend, nationalistisch?

Und bei den Grünen, einst ebenfalls eine Partei, die sich zur politischen Linken zählte, hat der linke Flügel gegenüber den Realos an Einfluss verloren. Beim Grünen-Parteitag in Hannover am kommenden Wochenende könnte die Partei erstmals eine Doppelspitze erhalten…

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Nr. 4/2018