Lesezeit 12 Min
Wissen

Diagnose ohne Mitgefühl

Ein Niederländer baut eine Onlineplattform für noch nicht zugelassene Medikamente auf. Auch in Deutschland warten Schwerkranke auf die neuen Wirkstoffe, meist vergebens. Patienten sterben, weil die Hürden zu hoch sind.

MARKEL REDONDO / DER SPIEGEL
von
Vivian Pasquet
und
Martin Schlak
Lesezeit 12 Min
Wissen

Als der Anruf kam, war Ronald Brus in seinem Ferienhaus in Südfrankreich. Die Atlantikküste lag verlassen da. Er hatte das Gebäude einen Tag zuvor gekauft. Im Sommer, so seine Hoffnung, würde er hier mit der Großfamilie Urlaub machen.

Sein Vater war am Telefon. Er atmete schwer. Er weinte. „Ich habe Lungenkrebs“, sagte er. „Ich werde dein Haus nicht mehr sehen.“

Wenige Wochen später versuchten Ärzte, den Tumor herauszuschneiden. Die Metastasen kamen trotzdem.

Ronald Brus, selbst Doktor der Medizin, stand damals an der Spitze einer niederländischen Firma, die Impfstoffe herstellte. Seit mehr als 20 Jahren arbeitete er in der Pharmabranche, er hatte Geld und Kontakte. Ein Kollege berichtete ihm, dass in den USA gerade neuartige Medikamente gegen nicht kleinzelligen Lungenkrebs getestet würden.

Vor allem ein Präparat namens Keytruda werde als Wundermittel gehandelt.

Doch der Wirkstoff war noch nicht zugelassen.

Um seinen Vater zu retten, wollte Brus das Medikament unbedingt haben, sofort. Er telefonierte mit Ärzten und Pharmafirmen. Er arbeitete sich durch Gesetzesvorschriften, stellte einen Antrag bei den niederländischen Behörden. Er ahnte, dass er zu spät sein würde.

In vielen Arzneimittelstudien werden Wirkstoffe gegen Erkrankungen getestet, für die es bislang noch keine Therapie gibt. Es sind potenzielle Medikamente für Menschen, deren wichtigste Frage lautet: Wie lange habe ich noch zu leben? In zahlreichen Industrieländern gibt es gesetzliche Ausnahmeregelungen, um schon vor der Marktzulassung an solche Mittel zu…

Jetzt weiterlesen für 0,90 €
Nr. 31/2016