Lesezeit 12 Min
Kultur

Deutschland ist ein Dorf

Juli Zeh hat mit „Unterleuten“ den Roman der Stunde geschrieben: über die große Gereiztheit, über Politikverachtung und Resignation. Ein Besuch bei der Schriftstellerin in Brandenburg.

HERMANN BREDEHORST / DER SPIEGEL
von
Volker Weidermann
Lesezeit 12 Min
Kultur

Der uralte Defender-Geländewagen knattert die Straße herunter. Fenster auf, die Schriftstellerin grüßt heraus. Gemalte Augenbrauen, Hand aus dem Fenster. Willkommen in Brandenburg.

Seit fast zehn Jahren lebt Juli Zeh hier draußen im Havelland in Brandenburg, eine knappe Autostunde von Berlin entfernt. "Und doch weiter weg als der Mond", heißt es in ihrem Roman "Unterleuten", der in einem brandenburgischen Dorf spielt. Die Literaturkritik hatte das Buch, als es im März erschien, routiniert durchgewinkt. Ein neuer Zeh. Alles klar. Gut gemeint, halb gut geschrieben. Zack. Weiter geht's. Nächstes Buch.

Doch dann kamen die Leser. Seit Monaten steht "Unterleuten" auf der SPIEGEL-Bestsellerliste fast ganz oben, 150 000-mal hat es sich bislang verkauft, für einen deutschen Gegenwartsroman ein sensationeller Wert. Für die Juristin Zeh, die seit ihrem Debütroman "Adler und Engel", der vor 15 Jahren erschien, immer wieder erfolgreiche Bücher schrieb und auch im Ausland, mit Übersetzungen in 35 Sprachen, viel gelesen wird, ist das eine ganz neue Dimension. Wenn man jetzt, kurz bevor Ende Juli der Bücherherbst beginnt, innehält, sieht es so aus, als wäre "Unterleuten" einer der Romane des Jahres.

Warum ist das so? Was macht Juli Zehs Buch so erfolgreich? Erkennen sich die Leser und Leserinnen selbst darin? Oder ihre Zeit, unsere Gegenwart? Die Fragen und Ängste von heute? Gibt das Buch Antworten? Juli Zeh ist doch dafür bekannt, Antworten auf ungefähr alles zu wissen. Es kennen sie ja mehr Menschen aus politischen Talkshows als aus ihren Büchern. Juli Zeh mahnt, klagt an, warnt…

Jetzt weiterlesen für 0,90 €
Nr. 29/2016