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Politik

„Der Wut eine Stimme geben“

SPD-Chef Sigmar Gabriel, 56, über die Krise seiner Partei, die Gerüchte über seinen angeblichen Rücktritt und die Herausforderungen durch die AfD

HC PLAMBECK / DER SPIEGEL
von
Klaus Brinkbäumer
,
René Pfister
und
Michael Sauga
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Politik

SPIEGEL: Herr Minister, Sie sind immer noch SPD-Vorsitzender. Dabei hatte „Focus“-Herausgeber Helmut Markwort vergangenen Sonntag behauptet, Sie würden hinschmeißen. Wie hat sich der eigene Rücktritt angefühlt?

Gabriel: Das war, zurückhaltend gesagt, ein wenig skurril. Ich hatte von den Meldungen gar nichts mitbekommen, wurde aber dann per SMS mehrfach gefragt, ob ich zurücktreten würde. Ich habe nur geantwortet: Soweit ich weiß, nicht.

SPIEGEL: Viele hielten die Meldungen allerdings für durchaus plausibel. Bringt es Sie nichts ins Grübeln, dass kaum jemand über Ihren Rücktritt überrascht gewesen wäre?

Gabriel: Die SPD durchlebt eine sehr schwierige politische Phase, das ist doch offensichtlich. Wir sind eine Partei, die historisch den Anspruch erhebt, den Kanzler zu stellen. Die letzten beiden Bundestagswahlen mit 23 und 25 Prozent waren für die meisten von uns schon schwer verdaulich. Jetzt liegen wir in den Umfragen bei rund 20 Prozent. Da ist es wie im Fußball: Wenn es gegen den Abstieg geht, wird auch über den Trainer diskutiert. Es wäre komisch, wenn es diese Diskussionen nicht gäbe.

SPIEGEL: Kränkt Sie die ständige Debatte über Ihre Person?

Gabriel: Nein, dafür kenne ich die Spielregeln zu gut. Es ist auch nicht verboten, in schwierigen Zeiten zu fragen, ob vielleicht ein Wechsel in einer Führungsfunktion nötig ist. Das muss sich übrigens jeder, der in einer solchen Funktion ist, immer auch selbst fragen. Wer sich selbst für unersetzbar hält oder – was noch schlimmer wäre – sein eigenes Selbstwertgefühl nur aus einem Amt bezieht, ist eigentlich schon deshalb nicht geeignet. Viele Leute in meiner Umgebung wissen, dass ich ein glückliches Familienleben habe und meine persönliche Zufriedenheit nicht an einem Dienstwagen hängt. Auch wenn der Vorsitz der SPD natürlich etwas ganz Besonderes ist.

SPIEGEL: Der frühere Parteichef Franz Müntefering sagte: das schönste Amt neben dem des Papstes.

Gabriel: Da ich evangelisch bin, sagt mir der Vergleich nichts. Aber im Ernst: Die älteste demokratische Partei Europas zu führen ist eine…

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Nr. 20/2016