Lesezeit 24 Min
Wirtschaft

Der Wohnungswahn

Das Eigenheim gilt als wichtiger Teil der Altersvorsorge. Doch Wohnungen und Häuser werden in Metropolen zunehmend unerschwinglich – und das Angebot ist so rar, dass windige Verkäufer leichtes Spiel haben. Lohnt sich der Immobilienerwerb noch?

DER SPIEGEL
von
Martin Hesse
,
Alexander Jung
,
Simone Salden
und
Anne Seith
Lesezeit 24 Min
Wirtschaft

Eigentlich geht's ihm prächtig, findet Kai Wittmann, 38. Er arbeitet in der Autobranche und verdient ein gutes Ingenieursgehalt. Mit seiner Frau will er bald eine Familie gründen. Sein Leben ist so, wie es sich viele wünschen in dem Alter. Wenn, ja, wenn da nicht ein Thema wäre, das ihn schier zur Verzweiflung bringt.

Wittmann lebt in einer Zweizimmerwohnung in München-Sendling, die für eine Familie mit Kindern definitiv zu klein ist. Doch sowohl die Mieten als auch die Kaufpreise steigen in der bayerischen Landeshauptstadt gerade in so abstruse Höhen, dass er daran zweifelt, sich jemals etwas anderes leisten zu können. "Bei all unseren Freunden ist der Immobilienmarkt das Thema Nummer eins: Wie finde ich eine Wohnung? Soll ich kaufen oder mieten? Kann ich auf Dauer in der Großstadt bleiben?", sagt er.

Vor zwei Jahren wollte Wittmann losziehen und eine Drei- bis Vierzimmerwohnung kaufen, damals, als ihm noch nicht so ganz klar war, was auf dem Immobilienmarkt los ist. Rund 400 000 Euro, kalkulierten er und seine Frau, könnten sie bei geringem Risiko und konservativ gerechnet aufbringen.

Eine kurze Internetrecherche reichte, um festzustellen, dass man damit in München nicht über 60 Quadratmeter hinauskommt. Also entschied sich das Paar für Plan B: selbst mieten und eine Zweizimmerwohnung als Anlage kaufen, irgendwo in Deutschland. Doch auch dieses Vorhaben erwies sich als irrwitzig.

Mal lag die angebotene Wohnung in der Nähe eines Klärwerks, mal klaffte in der Außenwand ein meterlanger Riss. Es handle sich um einen alten Setzschaden, das Haus sei in den Fünfzigerjahren gebaut worden, wiegelte der Makler ab, dabei hatte Wittmann das Haus zuvor bei Google Street View noch völlig unbeschädigt gefunden. Bei einem weiteren Objekt hätte Wittmann die Miete drastisch erhöhen müssen, um es finanzieren zu können. "Teil eines solchen Spiels möchte ich nicht sein", sagt er und klappt seinen Laptop auf.

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Immobilieninteressent Wittmann: „Bei allen Freunden Thema Nummer eins“

Auf dem Rechner hat er seine frustrierende Suche in langen Kolonnen dokumentiert: Preise, Größen, Eigenheiten, Finanzkennzahlen und ein paar Stichworte, woran jedes einzelne Projekt gescheitert ist. Es ist eine in Excel gepresste Dokumentation des Wohnungswahns, der gerade den deutschen Immobilienmarkt beherrscht.

Noch in den Neunzigerjahren gehörte es fast wie selbstverständlich zur Biografie vieler Mittelschichtfamilien, ein Haus zu bauen, um Platz für die Kinder zu haben. Selbst in den begehrten Lagen von Groß- oder Universitätsstädten war dies für sie üblich und möglich. Heute ist ein solches Vorhaben kaum noch erschwinglich: Dafür verdienen die meisten Familien nicht genug – und Eigenheime sind viel zu teuer geworden.

Jedem Bürger in Deutschland stand 2016 durchschnittlich ein Nettoeinkommen von rund 1800 Euro im Monat zur Verfügung, das waren zehn Prozent mehr als vier Jahre zuvor. In derselben Zeit sind die Wohnungspreise förmlich explodiert: plus 30 Prozent. Allein mit dem Geld, das ein Bürger mit Erwerbsarbeit verdient, lassen sich die meisten Objekte nicht mehr bezahlen.

56 Prozent der Deutschen glauben, dass sie es sich…

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Nr. 6/2018