Lesezeit 18 Min
Politik

„Der will mich nicht“

Gibt es Freundschaft in der Politik? Sigmar Gabriel und Martin Schulz zogen gemeinsam in einen Wahlkampf – und verloren am Ende fast alles.

HANS-CHRISTIAN PLAMBECK / DER SPIEGEL
von
Markus Feldenkirchen
,
Veit Medick
,
René Pfister
und
Christoph Schult
Lesezeit 18 Min
Politik

Die beiden kennen das Büro im fünften Stock des Willy-Brandt-Hauses nur zu gut. Von dem Eckzimmer aus oberhalb der Berliner Wilhelmstraße hat Sigmar Gabriel die SPD mehr als sieben Jahre lang geführt, nun sitzt hier Martin Schulz, aber auch dessen Zeit läuft ab. Als Gabriel am Mittwoch vergangener Woche um kurz nach zwölf Uhr den Raum betritt, melden die ersten Medien schon, dass Schulz das Amt des SPD-Chefs aufgeben werde – um Außenminister zu werden.

Gabriel ist aufgebracht, Schulz müde, er hat gerade gut 24 Stunden am Stück mit der Union verhandelt.

"Das ist ein Fehler", sagt Gabriel.

"Das sagst du doch nur, weil du Außenminister bleiben willst", erwidert Schulz.

Dann geht es eine halbe Stunde lang um so ziemlich alles, was sich in den vergangenen zwölf Monaten aufgestaut hat. Um gebrochene Versprechen und strategische Fehler, um Instinktlosigkeiten und menschliches Versagen. Es ist das Ende einer Freundschaft.

Gabriel und Schulz, das ist mehr als die Tragödie zweier Männer. Das Zerwürfnis ist auch ein Grund dafür, dass die SPD nun in den Abgrund blickt, dass es nicht mehr unvorstellbar erscheint, dass die Sozialdemokraten untergehen wie die Sozialisten in Frankreich.

Kann eine Freundschaft den Höllenritt der Politik überleben? Gabriel beneidete lange seinen Freund Schulz, der über viele Jahre in Brüssel ein ebenso frohes wie respektiertes Leben als EU-Parlamentarier genoss. "Du hast gut reden in deinem Brüsseler Elfenbeinturm. Kannst schön auf roten Teppichen den Präsidenten geben." Er hingegen müsse sich mit dem ganzen Mist abgeben, klagte Gabriel mehr als einmal, als er noch SPD-Chef war. Es gehört zu den irren Wendungen des Bundestagswahlkampfs, dass die Popularität des lange so geschmähten Gabriel in dem Maße stieg, wie die von Schulz sank.

Das allein schon stellt eine Freundschaft auf die Probe. Dazu kommt, dass Schulz immer ein Stück skrupulöser ist als Gabriel, dessen genialische Impulsivität bisweilen alles hinwegwalzt, was sich ihr in den Weg stellt: Freunde, Meinungen von gestern und, wie sich zum Schluss zeigte, auch den guten Geschmack.

Kaum etwas hat Schulz im Wahlkampf mehr beschäftigt als die Einwürfe und Wortmeldungen des ewig quirligen Gabriel; der wiederum litt unter der Zögerlichkeit des Kandidaten und ließ das auch durchblicken.

Nun stehen sie beide vor den Trümmern ihre Karriere.

Wann hat das Drama begonnen? Am 21. Januar 2017 bittet Gabriel seinen Freund zu einem abendlichen Treffen auf Schloss Montabaur…

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Nr. 8/2018