Lesezeit 20 Min
Gesellschaft

Der Versuch

Acht afghanische Jungs träumen in Düsseldorf von einem neuen Leben – und befürchten ihre Abschiebung. Ein Lehrstück über ein fast gescheitertes Experiment.

RALF BAUMGARTEN / DER SPIEGEL
von
Katja Thimm
Lesezeit 20 Min
Gesellschaft

Karims Vormund hat sich angesagt. Der Asylbescheid sei mit der Post eingetroffen. Wann der Junge denn zu Hause anzutreffen sei? Nachmittags, hatten die Betreuer geantwortet.

Noch ist alles wie an anderen Tagen: Karim kommt von der Schule, streift die Schuhe ab, zieht die Gummischlappen an, kocht Reis, kocht dunkle Bohnen, setzt sich an den Tisch im Wohnzimmer, isst bedächtig. Hört, wie die anderen im Nebenraum mit Herrn Sameeian diskutieren. Warum kaum einer der Jungs zu der Demonstration gegen Abschiebungen nach Afghanistan mitgegangen sei, will der Pädagoge wissen. Und Jamils heftige Antwort: "Unser Protest ändert ohnehin nichts."

Als die Klingel schellt, spült Karim die Töpfe in der Küche und trocknet sorgfältig die Hände ab. Dann schließt sich die Tür hinter ihm und dem Vormund.

Karim und seine Mitbewohner sind Söhne afghanischer Familien, Flüchtlinge, minderjährig und unbegleitet; wie Hunderttausende, die über die Balkanroute nach Europa kamen, suchen sie in Deutschland ein besseres Leben. Zelte, Notunterkünfte, monatelang, aber dann erschien plötzlich alles greifbar. Seit dem 20. Januar 2016 leben sie in diesem braunen Einfamilienhaus in einer der beliebten Gegenden Düsseldorfs. Ein Gymnasium liegt um die Ecke, Restaurants, ein paar Schritte entfernt beginnt der Wald. Der Flachbildfernseher auf dem alten Kachelofen, die Playstation, das samtige Sofa – lauter Versprechen.

Den Jugendlichen soll es gut gehen in dem neuen Zuhause, dafür sorgen Saba Sameeian und seine Kollegen. Herr Sameeian stammt aus einer persischen Familie, er spricht Farsi und Paschtu wie die Jungen und ist einer von fünf Pädagogen der Organisation SOS Kinderdorf, die im Schichtdienst mit den Flüchtlingen leben. Sie begleiten die Teenager zu Behörden, sie besuchen ihre Elternsprechtage, sie trösten, sie tadeln. Es wirkt wie ein perfekter Aufbau für das vielleicht schwierigste soziale Experiment in diesem Land: Wie, wenn nicht mit so viel Aufwand und gutem Willen, sollte Integration gelingen?

Doch nun sitzt Karim hinter der Tür, und alle bangen mit ihm.

Unbegleitete Minderjährige erhalten mehr Hilfe als andere Flüchtlinge, der deutsche Staat gewährt ihnen besonderen Schutz. Viele stürzen sich begeistert in ihr neues Leben; einzelne radikalisieren sich; zahlreiche leiden unter Traumata, manche sind verzweifelt, einige aggressiv. Und alle müssen sie befürchten, dass ihr Asylantrag am Ende nicht bewilligt wird.

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Jugendlicher Masoom

Die Jungen haben in den zurückliegenden Monaten von einer Karriere geträumt, von einer Freundin, einer Zukunft, sie haben alle Angst, nach Afghanistan abgeschoben zu…

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Nr. 9/2018