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Der Vater, ein Mutter-Imitat

Die „Ehe für alle“ wühlt Deutschlands Konservative auf. Aber was bedeutet sie für Kinder? Die Psychologin Inge Seiffge-Krenke über die unterschiedlichen Rollen der Elternteile, moderne Vaterschaft sowie die Männlichkeitsbilder der Politiker Trump und Gabriel.

PETER JÜLICH / DER SPIEGEL
von
Susanne Beyer
und
Tobias Becker
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Seiffge-Krenke, 68, ist Psychoanalytikerin und seit vielen Jahren aktiv in der Ausbildung von Kinder- und Jugendlichentherapeuten. Sie war Präsidentin der Europäischen Jugendforschung und leitete bis 2013 als Professorin die Abteilung für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie an der Universität Mainz. 2016 erschien von ihr "Väter, Männer und kindliche Entwicklung", ein Lehrbuch für Psychotherapeuten (Springer).

SPIEGEL: Frau Seiffge-Krenke, das Land diskutiert über die sogenannte Ehe für alle. Bislang durften homosexuelle Paare gemeinsam keine Kinder adoptieren. Argumentiert wurde mit dem Kindeswohl. Sorgt ein homosexuelles Paar denn schlechter für Kinder als ein heterosexuelles?

Seiffge-Krenke: Selbstverständlich nicht. Studien beweisen, dass sich Kinder schwuler oder lesbischer Eltern genauso gut entwickeln wie Kinder heterosexueller Eltern, sie sind genauso gesund, genauso glücklich, sie bringen genauso gute oder schlechte Schulleistungen.

SPIEGEL: Es gibt überhaupt keine Auffälligkeiten?

Seiffge-Krenke: Keine, die es rechtfertigen würden, homosexuelle Eltern skeptisch zu beäugen. Ein Problem besteht leider darin, dass ihre Kinder oft diskriminiert werden. Unter besonders starkem Druck stehen sie in der Pubertät: in der Phase, in der sie sich selbst sexuell orientieren. Wenn sie entdecken, dass sie auch homosexuell sind, dann machen sie das, worauf ihre Umgebung die ganze Zeit regelrecht wartet. Wenn sie heterosexuell sind, haben sie die Sorge, ihre Eltern zu enttäuschen.

SPIEGEL: Wie entscheiden sich die meisten?

Seiffge-Krenke: Entgegen dem verbreiteten Vorurteil belegen Studien, dass Kinder homosexueller Väter nicht häufiger selbst homosexuell werden. Lediglich die Wahrscheinlichkeit von Töchtern aus lesbischen Beziehungen, auch lesbisch zu werden, ist erhöht. Aber nur leicht.

SPIEGEL: Wir wollen mit Ihnen heute über Vaterschaft sprechen. Viele Männer zelebrieren ihre Vaterschaft wie nie zuvor, darunter auch prominente Politiker. Wie erklären Sie sich das?

Seiffge-Krenke: Kinder sind heute wichtig für den sozialen Status. Das Kind ist ein verlängertes Selbst.

SPIEGEL: Das prominenteste Vater-Tochter-Gespann trägt den Namen Trump. Donald plaudert öffentlich über Ivankas Brüste und hat einmal gesagt, dass er sich vorstellen könne, sie zu daten, wäre sie nicht seine Tochter.

Seiffge-Krenke: Hat er das gesagt?

SPIEGEL: Ja.

Seiffge-Krenke: Stark.

SPIEGEL: Man muss nicht Psychologie studiert haben, um einen solchen Spruch irritierend zu finden.

Seiffge-Krenke: Es…

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Nr. 27/2017