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Gesellschaft

Der Rocker

Thomas Fischer, Vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof, ist berühmt für seinen juristischen Kommentar – doch als Kolumnist tobt, wütet und pöbelt er. Warum tut er das?

ERIC VAZZOLER / DER SPIEGEL
von
Thomas Darnstädt
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Gesellschaft

Immer im Dezember ist Bescherung. Dann erscheint der kleine Dicke, zweieinhalbtausend Seiten in Dünndruck.

Fast jeder Richter, Staatsanwalt, die meisten Studenten des Strafrechts, alle blättern sie in der neuen Auflage, der 64. nun, gucken, was es Neues gibt im frisch gedruckten Fischer, dem wichtigsten Strafrechtskommentar der Republik. "Die neuen Vorschriften über Menschenhandel" fänden sich da kompetent erläutert, verspricht der Verfasser, "sowie das gesamte neue Sexualstrafrecht".

"Da steht es jetzt!" Thomas Fischer, 63, Vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof, sagt, er empfinde "jedes Mal große Freude", wenn sein Buch in die Läden kommt. Dann ist sein Wort mehr als das Gesetz, die Branche ist sich einig: Kohärent, scharfsinnig, vor allem präzise und darum maßgeblich sei, was der Hohepriester des Rechts den Kollegen vorgibt.

Kann man es weiter bringen als deutscher Jurist?

Fischer geht es nicht weit genug. Dienstags, das ganze Jahr über, lässt der Richter die Sau raus. In seiner Kolumne auf Zeit Online schüttelt Prof. Dr. Fischer den Zeitgeist, würgt Kollegen, verhöhnt Minister, Abgeordnete, Journalisten, manche lässt er verstört, wütend, ratlos zurück.

Der Rundumschlag zum Dienstag ist ein schäumender Mix aus Scharfsinn und Stuss, freien Assoziationen und Filmtipps, mäandernden Argumenten, maßlosen Übertreibungen und mitunter genialen Zuspitzungen, all dies unredigiert, wie es scheint, ungebändigt und ungebremst durch die normative Kraft, die allein schon der…

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Nr. 6/2017