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Kultur

Der Riss

Die Debatte um Durs Grünbein und Uwe Tellkamp überschattet die Leipziger Buchmesse. Es geht um Flüchtlingspolitik, Redefreiheit – und die erstarkende intellektuelle Rechte.

SVEN DÖRING / DER SPIEGEL
von
Xaver von Cranach
,
Georg Diez
,
Sebastian Hammelehle
,
Ulrike Knöfel
,
Nils Minkmar
,
Volker Weidermann
und
Steffen Winter
Lesezeit 14 Min
Kultur

Zweitausendsechshundert Verlage stellen auf der Leipziger Buchmesse aus, rund 20 000 Bücher erscheinen in diesem Frühjahr, manche bejubelt, manche verrissen – und sehr viele gänzlich übersehen. Und dann gibt es noch jene Bücher, deren Titel die Stimmung nicht nur der Messe, sondern des ganzen Landes schon auf dem Buchumschlag einfangen: Monika Marons "Munin oder Chaos im Kopf", Bernhard Pörksens "Die große Gereiztheit – Wege aus der kollektiven Erregung" oder Yascha Mounks "Der Zerfall der Demokratie – Wie der Populismus den Rechtsstaat bedroht". Denn die Atmosphäre ist aufgeladen, seit kurz vor der Messe bei einer Diskussion auf der Bühne des Dresdner Kulturpalasts zwei Schriftsteller aneinandergeraten sind, als ginge es um einen Familienkonflikt im deutschen Bildungsbürgertum: Durs Grünbein und Uwe Tellkamp. Beide in den Sechzigern geboren, beide aus Dresden, beide preisgekrönte Autoren, ihre Werke erscheinen beim selben Verlag, bei Suhrkamp. Doch wie das manchmal so ist bei Familienkonflikten, beide können sich kaum mehr verständigen – und das in Fragen, die, je nach Standpunkt, zu den entscheidenden des Landes gehören: Wie hältst du es mit der Flüchtlingspolitik? Wie mit Merkel? Wie mit der Rechten? Ist die Meinungsfreiheit bedroht? Was darf man heutzutage noch sagen?

"Was ist denn das für ein Scheiß?", entfuhr es Grünbein, als Tellkamp behauptete, vor der Bundestagswahl sei die AfD die einzige regierungskritische Alternative gewesen. Die Szene wirkte, als hätte ein Regisseur diesen Konflikt inszeniert: Auf dem einen Stuhl saß einer, der die offenen Grenzen genießt, der von seinen Reisen erzählte, von Paris. Auf dem anderen einer, der diese offenen Grenzen fürchtet. Einer, der glaubt, 95 Prozent der Migranten, die nach Deutschland kommen, seien keine Flüchtlinge, sondern wanderten in die Sozialsysteme ein.

Diese Zahl ist nicht zu halten.…

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Nr. 12/2018