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Der Rettungsstollen

Tief unter dem Brennerpass entsteht der längste Eisenbahntunnel der Welt. Er könnte die Lkw-Plage beseitigen und die Zugfahrt von München nach Bologna auf drei Stunden verkürzen – wenn die Deutsche Bahn nicht wieder alles verpatzt.

FLORIAN GENEROTZKY / DER SPIEGEL
von
Christian Wüst
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Sorgsam angeordnet, stecken 50 Sprengstoffpatronen im Quarzphyllit südlich von Innsbruck. Die Zündschnüre vereinigen sich zu Bündeln und diese schließlich zu einer einzigen, dicken Kordel. Einige Hundert Meter weiter hinten im Stollen steht ein Metallkasten auf dem matschigen Boden.

Ein Minenarbeiter dreht eine Kurbel. Wenige Sekunden später kracht es stumpf.

Das Gebirge bebt heftig, als suchte ein montaner Rülpser vergebens den Ausgang. Einstürzen kann nichts, versichert der leitende Ingenieur Martin Keinprecht und zeigt in Richtung des Knalls: "Da geht's nach Italien."

Fünf Meter am Tag schaffen die Sprengtrupps. Es ist der mühsamste Weg, der jemals in diese Richtung genommen wurde – eines der dringendsten Bauprojekte der europäischen Verkehrswegeplanung und eines der teuersten.

Rund zehn Milliarden Euro aus Steuergeldern Italiens, Österreichs und der EU sind einkalkuliert für die Planung und Errichtung des Brenner-Basistunnels. Zwei Betonröhren, jede mit acht Metern Innendurchmesser und einem Eisenbahngleis in der Sohle, sollen vom Jahr 2026 an eine direkte Verbindung zwischen Innsbruck und Franzensfeste südöstlich von Sterzing herstellen – eine 55 Kilometer lange Direttissima durch Granit, Schiefer und Gneis. Die Anwohner begreifen dieses Bauwerk als Rettungsstollen, der herausführt aus dem Irrweg einer Verkehrspolitik, die viel zu lange nur auf Straßenbau setzte.

Freie Fahrt ins mediterrane Spaßbad versprach die 1974…

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Nr. 23/2015