Lesezeit 41 Min
Gesellschaft

Der Reigen

Zwischen den Geschlechtern ist vieles im Umbruch. Es ist an der Zeit, miteinander zu reden: neun Begegnungen, neun Gespräche über Frauen und Männer, Sex und Sexismus.

PETER RIGAUD / DER SPIEGEL
von
Christiane Hoffmann
und
Britta Stuff
Lesezeit 41 Min
Gesellschaft

Vor fast hundert Jahren war Sex auf der Bühne ein Skandal. Der Dramatiker Arthur Schnitzler hatte ein Stück geschrieben, es ging um Sehnsüchte, Macht und Verlangen, um enttäuschte Liebe, um all das, was zwischen Männern und Frauen wichtig und missverständlich sein kann. Es waren zehn Szenen, in denen Männer und Frauen miteinander sprechen und Sex haben, ein Reigen quer durch alle Gesellschaftsschichten, die Dirne traf auf den Soldaten, der Soldat auf das Stubenmädchen, das Stubenmädchen auf den jungen Herrn. Im Vordergrund stand Sex, nicht Liebe oder Ehe, das war das Neue, Skandalöse. Die Aufregung über das Stück war so groß, dass Schnitzler schließlich selbst ein Aufführungsverbot verhängte. Es galt bis 1982.

Heute würde dieser Reigen keinen Skandal mehr auslösen, die Moral hat sich geändert. Aber wie zur Zeit des Reigens passiert wieder viel im Verhältnis der Geschlechter, etwas verschiebt sich, die gegenseitigen Ansprüche verändern sich, das Machtverhältnis zwischen Frauen und Männern und die Moral: die Idee davon, was verwerflich ist und was angemessen. Der Raum zwischen den Geschlechtern wird neu vermessen.

Zeit für einen neuen Reigen. Der SPIEGEL führte neun Frauen und Männer zusammen. Es gab neun Gespräche über Sex und Sexismus, Gleichberechtigung und Penetration, über Frauseinwollen und Mannseindürfen. Manche Paare stritten, andere flirteten und wieder andere waren sich ziemlich einig, alle setzten sich mit den Fragen der aktuellen Debatte auseinander: Wo verläuft die Grenze zwischen Flirt, Anmache und Sexismus? Wie viel Gleichberechtigung wurde erreicht oder: wie wenig? Was wollen Frauen, und was macht das mit den Männern?

Die Gespräche sind aufgebaut wie der Reigen von Schnitzler: Zwei Personen sprechen miteinander, eine der beiden geht dann in die nächste Szene und trifft dort auf die nächste Person. Das Besondere: Die Teilnehmer mussten sich auf eine Überraschung einlassen, niemand wusste vorher, mit wem er sprechen würde.

Der Reigen lässt eine Feministin auf eine Antifeministin treffen, ein Erotikmodel auf einen Politiker, der sich selbst als Macho bezeichnet, und eine Rapperin auf einen Coach, der anderen Männern hilft, sich in der neuen Welt zurechtzufinden. Nur eines ist anders als bei Schnitzler: Über Sex wurde nur geredet.


Thomas Meinecke trifft Teresa Bücker

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Thomas Meinecke trifft Teresa Bücker

"Die Macht zerbröselt den Männern unterm Arsch"

Thomas Meinecke, 62, ist Feminist, Schriftsteller, DJ, Musiker, er hat sieben Romane veröffentlicht und beschäftigt sich literarisch mit dem Thema Geschlechter. Meinecke ist verheiratet und hat eine Tochter.

Teresa Bücker, 34, ist Feministin, Netzaktivistin, Bloggerin und Chefredakteurin des Onlinemagazins "Edition F". Bücker hat eine Tochter.

Sie sind sich noch nie begegnet, geben sich schüchtern die Hand.

Meinecke: Sie kommen mir bekannt vor. Wer sind Sie noch mal?

SPIEGEL: Das ist Teresa Bücker, Chefredakteurin von "Edition F" und Feministin.

Meinecke: Ah. Toll.

SPIEGEL: Sie bezeichnen sich auch als Feministen. Was bedeutet das für Sie?

Meinecke: Vieles. Zum Beispiel fühle ich mich wohler unter Frauen. Mannsein bedeutet oftmals, Aggressionen auszuüben. Ich habe mich noch nie im Leben geprügelt. Ich habe einfach einen Widerwillen gegen das Kräftemessen, ich mag Männer nicht, die so platzhirschmäßig auftreten ...

Bücker: (nickt)

Meinecke: ... es sind meist Männer, die in unserer Welt Probleme schaffen. Bis heute. Deshalb sollte es auch nicht um Männer gehen, sondern um Frauen.

Bücker: In der #MeToo-Debatte gibt es nur wenige Männer, die sich einbringen. Männliche Feministen suchen wir händeringend.

Meinecke: Ich habe mich in der #MeToo-Debatte als Mann zurückgehalten, weil ich es schlimm finde, wenn Männer sich sofort einmischen müssen und immer gleich sagen: Ja, super. Finde ich auch. Als Mann gehöre ich ja zum Verursachergeschlecht dieser Problemlage, bin also Verursachergeschlechtsteilinhaber.

Bücker: (hört zu)

Meinecke: Die ganz miesen Typen gründen Männergruppen und sagen: Wir wollen auch mehr öffentlich weinen dürfen. Damit betreiben sie eine feindliche Übernahme des Feminismus und killen das Anliegen der Frauen. Wenn man die Männer da reinholt, übernehmen sie den Laden.

Bücker: Ich finde, die Männer in Deutschland verhalten sich ein wenig wie Angela Merkel: Sie sitzen #MeToo aus. Aus meiner Sicht ist das Gesprächsverweigerung. Es ist feige.

Meinecke: Was sollen die Männer denn sagen?

Bücker: Ich kann doch nicht für die Männer sprechen ...

Meinecke: Aber was wollen Sie?

Bücker: Ich sehe keine Notwendigkeit, mich an Männern abzuarbeiten. Ich würde aber gerne wissen, warum Männer es so toll finden, nur mit Männern zusammenzuarbeiten.

Meinecke: Das ist mir auch ein Rätsel, dieser…

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Nr. 13/2018