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Wirtschaft

Der neue Lange Marsch

Die Chinesen erobern den Westen, als Reisende, Luxusshopper und Geschäftsleute. Sie besteigen Berge, kaufen Immobilien in Spanien und erkunden die Arktis. Dabei verändert sich auch ihre Sicht auf die Welt.

JONATHAN BROWNING / DER SPIEGEL
von
Julia Amalia Heyer
,
Walter Mayr
,
Christoph Scheuermann
,
Christoph Schult
,
Bernhard Zand
und
Helene Zuber
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Wirtschaft

Wenn man aus China kommt, ist Rom leicht an einem Nachmittag zu machen. Petersdom, Engelsburg, der Trevi-Brunnen – die Tour dauert kaum zwei Stunden und liefert alle Bilder, die man nach Hause mitbringen muss. Wang Fang aus der ostchinesischen Provinz Anhui steht vor dem Kolosseum und überlegt: Wozu muss man eigentlich hinein in diese merkwürdige Ruine? Ihre Freundinnen kennen sie ja doch nur von außen, aus Filmen. Sie macht ein Selfie. Der Reiseleiter mahnt zur Eile. Schnell ins Hotel zurück, den Jetlag ausschlafen. Es war ein langer Nachtflug aus Shanghai.

Der nächste Tag beginnt mit einer Busfahrt nach Florenz, er enthält einen Abstecher nach Pisa und endet am Abend in Wattens bei Innsbruck. Hier hat der österreichische Schmuckhersteller Swarovski seinen Sitz, dessen Namen jede junge chinesische Städterin kennt, auch wenn er auf Mandarin nicht einfach zu behalten ist: Shihualuoshiqishuijing. Vicky aus Shanghai kauft sich eine Halskette und für ihre Mutter eine Brosche, für insgesamt 600 Euro. Weiter geht es nach Neuschwanstein und Luzern, ins französische Beaune, schweren Burgunder probieren. "Nicht alles auf einmal, sondern in kleinen Schlucken trinken", mahnt der Reiseleiter.

Die Reise endet, wo fast jede chinesische Europareise endet: in Paris. Um Punkt 8.30 Uhr biegt der Bus in den Boulevard Haussmann ein, wo bereits vier andere Busse mit chinesischen Touristen stehen. Noch eine Stunde, dann öffnen die Galeries Lafayette, und in fünf Stunden werden die Chinesen dann Tausende Euro ausgegeben haben, für Handtaschen, Parfums und Seidentücher, für sich selbst, ihre Kinder, Eltern und Bekannten.

Fünf Länder und acht Städte in neun Tagen – für die Chinesen ist das keine Zumutung, sondern die Erfüllung eines Traums. Die Alten träumen schon seit Jahrzehnten davon, sich die Reise ins Ausland leisten zu können; für die Jungen gehört sie zu ihrem Lebensentwurf wie die eigene Wohnung und das eigene Auto.

Und so machen sie sich in diesem Sommer wieder auf die Reise.…

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Nr. 30/2015