Lesezeit 11 Min
Gesellschaft

»In der #MeToo-Debatte herrscht Vergeltungslogik«

Die Philosophin Svenja Flaßpöhler fordert eine »neue Weiblichkeit«, damit das Miteinander von Männern und Frauen gelingt und patriarchale Muster durchbrochen werden.

MARKUS TEDESKINO / DER SPIEGEL
von
Claudia Voigt
Lesezeit 11 Min
Gesellschaft

Mit ihrem Manifest "Die potente Frau" kam Flaßpöhler, 42, bis auf Platz sechs der SPIEGEL-Bestsellerliste. Die Chefredakteurin des "Philosophie Magazins" stellt die Verschärfung des Sexualstrafrechts und die #MeToo-Bewegung infrage – aus feministischer Perspektive.

SPIEGEL: Frau Flaßpöhler, seit Monaten wird über #MeToo diskutiert. In privaten Runden, in der Öffentlichkeit. Sie kritisieren diese Debatte. Warum?

Flaßpöhler: Der ganze #MeToo-Diskurs wird in einem reinen Anklageduktus geführt. Er richtet sich kritisch an den Mann, aber nicht selbstkritisch an die Frau.

SPIEGEL: Weil in den Fällen, über die öffentlich berichtet wurde, fast immer Männer die Täter und Frauen die Opfer sind?

Flaßpöhler: Der Opferdiskurs vermeidet die Analyse der eigenen Position. Jahrhundertelang war die Frau der Spiegel des männlichen Begehrens, sie hatte sexuell keine eigenständige Position, sondern existierte nur in Bezug auf den Mann. Wenn in der #MeToo-Debatte nun lauter Situationen geschildert werden, in denen die Frauen passiv und sprachlos bleiben und sich nicht zur Wehr setzen, dann werden dadurch alte patriarchale Muster bestätigt.

SPIEGEL: Es werden Missstände, über die bisher geschwiegen wurde, laut zur Sprache gebracht.

Flaßpöhler: Es ist nicht damit getan, dass man etwas zur Sprache bringt, entscheidend ist, wie man das tut. #MeToo ist zunächst einmal nur ein Schlagwort, und…

Jetzt weiterlesen für 0,89 €
Nr. 27/2018