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Der Mensch im Trikot

Per Mertesacker beendet im Mai nach 15 Jahren und über 500 Spielen seine Karriere. Zuvor gibt der Weltmeister und Kapitän von Arsenal London unbekannte Einblicke in die Härten seines Jobs.

HENRIK KNUDSEN / DER SPIEGEL
von
Antje Windmann
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Der Brechreiz packt ihn vier bis fünf Sekunden vor Anpfiff, jedes Mal. Wenn er seine Position auf dem Spielfeld bezogen hat, inmitten der brüllenden Fans. Wissend, dass er jetzt wieder alles geben muss, 90 Minuten lang.

Die Anspannung, sagt er, sei dann kaum zu ertragen. "Mir dreht sich der Magen um, als müsse ich mich übergeben. Ich muss dann einmal so heftig würgen, bis mir die Augen tränen." Den Kopf habe er dabei immer zur Seite gedreht, Kinn Richtung Schulter, damit bloß niemand etwas bemerkt. Die TV-Kameras nicht, der Trainer nicht, die Teamkollegen nicht. Damit nie jemand fragt, was da eigentlich los ist mit ihm vor jeder Partie. Mit Per Mertesacker, dem ruhigen, souveränen Innenverteidiger.

Der Weltmeister von 2014 und Kapitän von Arsenal London sitzt in einem Thai-Restaurant im Norden der Stadt. Es ist ein Freitag im Januar. Er hat den Tisch online reserviert, einen Screenshot per Whats-App geschickt. 14.00 Uhr, zwei Personen, Mertesacker.

The "big fucking German" nennen sie ihn hier in England. Wie passend der Spitzname ist, sei dahingestellt. Fucking big ist er zweifelsohne. Nur einmal versucht er, seine Beine unter den Tisch zu falten.

Per Mertesacker, 1,99 Meter groß, schmal, trägt weiße Turnschuhe, Jeans und ein graues Sweatshirt. Er bestellt stilles Wasser, Huhn mit Cashewnüssen, kein Koriander. Er kommt gerade vom Training.

Vieles an dem 33-Jährigen wirkt jungenhaft, sein Lachen, die Coolness, mit der er sich im Stuhl zurücklehnt, die Arme verschränkt. Oder er möchte noch etwas Distanz wahren, bevor er eine Nähe zulässt wie kein aktiver Weltklassefußballer zuvor.

Im Mai beendet Mertesacker seine Karriere, nach 15 Jahren als Profi, nach 104 Länderspielen, 221 Spielen in der Bundesliga, 155 in der Premier League, 83 im Europapokal.

Er sei müde, ausgelaugt, sagt er.

Er sei kaputt, sagen die Ärzte.

Einfach so will Per Mertesacker aber nicht abtreten. Er will etwas…

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Nr. 11/2018