Lesezeit 35 Min
Verbrechen

Der Mann von Zimmer 402

Am 11. April erschütterte der Bombenanschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund die Republik. Der mutmaßliche Attentäter steht bald vor Gericht. Die Geschichte einer unfassbaren Tat.

MARCUS SIMAITIS / DER SPIEGEL
von
Rafael Buschmann
,
Jörg Diehl
,
Özlem Gezer
,
Claas Relotius
,
Fidelius Schmid
,
Jonathan Stock
und
Takis Würger
Lesezeit 35 Min
Verbrechen

In der Nacht auf den 11. April, um 0.44 Uhr, verlässt ein junger Mann die Lobby des Hotels "l'Arrivée" südlich von Dortmund und wird sie erst fünf Stunden später wieder betreten. Später verfolgen Polizeihunde die Spuren des Mannes in den angrenzenden Niederhofer Wald. Es ist Vollmond, kurz vor Ostern, die ersten Narzissen blühen schon. Tagsüber spazieren hier die Nachbarn und Hotelgäste, um diese Zeit aber ist niemand mehr unterwegs. Der Mann, 28 Jahre alt, klein, blond, geht vermutlich den schmalen Reiterpfad hinunter, überquert einen Bach, wendet sich nach links und verschwindet in einer dichten Buchenschonung. Hier, in einer Kuhle, umgeben von großen Fichten, will er die letzten Vorbereitungen treffen für ein Verbrechen, das er seit Monaten plant: einen Anschlag auf den Mannschaftsbus des Fußballvereins Borussia Dortmund.

Sergej, so heißt der Mann, entzündet in der Nacht vor der Tat ein Feuer im Wald. Er hat ein Zelt mitgebracht, gegen den Wind, es ist kühl jetzt im April, unter zehn Grad. Einen Kanister mit mehreren Litern Diesel hat er auf der Lichtung deponiert, weil er später, wenn seine Vorarbeiten beendet sein werden, alles in Flammen aufgehen lassen will, um Beweise zu vernichten. Er hat Funktransmitter dabei, Batterien, Antennen. In großen Behältern hat er eine Flüssigkeit herbeigeschleppt, eine wasserklare, farblose, geruchlose, ätzende und brandfördernde Substanz: Wasserstoffperoxid. Er fügt Brennstoff hinzu und füllt die Mischung in Röhren, er versieht sie mit Drähten, einem Zünder, einer Funkantenne. Er platziert mindestens 65 fingerlange Metallbolzen aus rostfreiem Stahl in den drei, je etwa ein Kilogramm schweren Zylindern, die er zur Tarnung mit grüner Farbe bestrichen hat. Sergej, aus Freudenstadt im Schwarzwald, dessen Nachname hier nicht genannt werden darf, ein unauffälliger, freundlicher, gewissenhafter Elektriker in einem Tübinger Heizwerk, ein Mann, über den bald zu lesen sein wird, dass er "stets brav in der Schlange gestanden" habe – dieser Mann also, so der Vorwurf der Staatsanwaltschaft, baut kurz vor Ostern im Niederhofer Holz im Schein seines Lagerfeuers drei Bomben.

Was genau er in diesen Stunden tut, was er in den Tagen und Wochen zuvor getan hat – das alles lässt sich rekonstruieren aus der Anklageschrift, die dem SPIEGEL vorliegt, aus den Ermittlungsakten der Polizei, aus Videoaufnahmen von Überwachungskameras, Zeugenaussagen, Computerauswertungen, Tatortbegehungen, aus Bodenproben, aus Bewegungsprofilen, die mithilfe von Spürhunden erstellt wurden. Und ob sich all dies so bestätigt, wird das kommende Verfahren zeigen.

Der Mann, Sergej, ist angeklagt, "dazu angesetzt zu haben, aus Habgier, heimtückisch und mit gemeingefährlichen Mitteln 28 Menschen zu töten". Darüber hinaus wird ihm vorgeworfen, sich an der Börse bereichert haben zu wollen, indem er auf den Kursabsturz der Aktie des Dortmunder Fußballvereins wettete. Sergej selbst, der Tatverdächtige, sagt kein Wort zum Hergang des Verbrechens, er sagt bislang nur, er habe mit allem nichts zu tun und sei unschuldig. Er habe in dem Hotel, vor dem das Attentat stattfand, nur Urlaub gemacht.

Sergej wird bald nach seiner Verhaftung untersucht werden, von Ärzten, Gutachtern, Psychologen, Profilern des Bundeskriminalamts. Und genauso, wie die Kriminaltechniker die Bombe in ihre Einzelteile zerlegen, um zu verstehen, wie sie gebaut ist, werden die Sachverständigen den Menschen Sergej analysieren, um zu verstehen, wer er ist.

Das Bundeskriminalamt erstellt eine Biografieanalyse. Dieser zufolge seien bei Sergej keine Hinweise auf eine "relevante destruktive Dynamik" gefunden worden. Die Ermittler konnten auch keine Hinweise auf frühere Straftaten entdecken und schon gar keine auf solche mit Gewaltbezug. Es deute demnach auch nichts darauf hin, dass Sergej zu "aggressiven oder gewalttätigen Problemlösungen" neige.

Der Anschlag vom 11. April ist so ungewöhnlich, dass sich Politiker, Funktionäre und Journalisten in den nächsten Tagen gegenseitig in ihrem moralischen Urteil überbieten. Angela Merkel wird ihn als "widerwärtige Tat" bezeichnen, der Justizminister als "abscheulich", der Innenminister spricht von einem "besonders widerwärtigen Tatmotiv". Andere deuten die Tat als "ein Zeichen, wie krank unsere Welt geworden ist", als "perfide Form, mit der Angst der Bevölkerung zu spielen", als "beispielloses Verbrechen in der deutschen Kriminalgeschichte".

Nachdem Sergej in der Nacht vor der Tat seine Sprengsätze fertig gebaut hat, öffnet er den Verschluss des Dieselkanisters und gießt den Inhalt über die Waldlichtung. Dann steckt er die Fläche in Brand. Es wird Tage später noch rauchen, sodass ein Spaziergänger im Wald die Polizei auf den Ort aufmerksam macht. Sergej trägt in der Dunkelheit seine Bomben Richtung Hotel und…

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Nr. 49/2017