Lesezeit 18 Min
Verbrechen

Der Kuss

Flüchtlinge sollen im Schwimmbad zwei Mädchen vergewaltigt haben. Die Suche nach der Wahrheit beginnt – das Protokoll eines Justizversagens.

MARIA FECK / DER SPIEGEL
von
Beate Lakotta
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Verbrechen

Der unglücklichste Tag in seinem Leben habe schön begonnen, sagt Sultanahmad Azizi, Landarbeiter, vor 34 Jahren geboren in Herat, Afghanistan. Es ist ein Sonntag Ende Februar. Sechs Wochen zuvor waren sie in Deutschland angekommen, seine schwangere Frau und er mit den Kindern, einem Mädchen, anderthalb, einem Jungen, zehn Jahre alt.

An diesem Tag wollen sie eine afghanische Familie besuchen, eine Mutter mit drei Söhnen, die sie auf der Flucht kennengelernt haben. Ein Onkel der Jungen lebt seit zehn Jahren in Hamburg, er will den Kindern und Herrn Azizi eine Attraktion vorführen und nimmt sie mit ins Schwimmbad, nach Norderstedt. Auch Mohammad, der 14-jährige Sohn der anderen Familie ist dabei, ein stiller, schmaler Junge.

Noch nie zuvor waren sie in einem Schwimmbad gewesen. Sie sehen all die Frauen und Männer gemeinsam baden, frei und ausgelassen. Auch Mohammad und Herr Azizi sausen auf der Wildwasserrutsche hinab ins türkisfarbene Wasser, sie prusten und lachen laut, überwältigt von Glück und Freude. Nach dem Leid der Flucht, den Menschen, die sie dabei hatten sterben sehen, der Enge im Asylbewerberheim fühlt Herr Azizi zum ersten Mal, dass es sich gelohnt habe, sich auf den Weg nach Deutschland zu machen. In ein freies, neues Leben.

So, sagt er, habe er es auch dem Haftrichter zu erklären versucht: Im Augenblick des höchsten Glücks habe sich sein Leben in Unglück verkehrt, durch einen schicksalhaften Kuss. Auch jetzt, nachdem das Urteil gesprochen ist, schämt sich Herr Azizi für seine Unbeherrschtheit, nicht nur vor seiner Frau. Er möchte nicht, dass sein richtiger Name in der Zeitung steht. 

Im Erlebnisbad Arriba vergnügt sich an diesem 28. Februar auch Jessica, 14 Jahre alt, ein übergewichtiges Mädchen mit langem, dunklem Haar. Jessica ist mit ihrer Freundin dort, Jennifer, 18 Jahre alt, schlank, kurzes Haar. Gegen 17 Uhr, so sagt eine Bademeisterin bei der Polizei aus, seien die zwei aufgelöst auf sie zugekommen: Sie seien auf der Rutsche begrapscht worden.

Die Mädchen deuten auf Herrn Azizi, der gerade aus dem Rutschbecken steigt. Die Polizei kommt, ein Mann vom Sicherheitsdienst bringt die weinenden Mädchen zur Umkleide, dort zeigen sie auf einen Jungen: Der sei auch dabei gewesen, Mohammad S., der 14-Jährige.

Eine andere Bademeisterin sagt später vor Gericht aus, Herr Azizi habe nicht versucht wegzulaufen, als sie ihn aufhielt. Er habe etwas geflüstert, das wie "Entschuldigung" klang. Mohammad S.…

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Nr. 41/2016